Bilder des Nordens in der Populärkultur

Raum 207a

Beschreibung

Populär ist, was Beachtung findet und sich im Kampf um Aufmerksamkeit (relativ und vorläufig) behaupten kann. Diese Popularität ist über Charts, Rankings, Likes und ähnliche Bewertungsinstrumente messbar. Populäre Bilder bestimmen Haltungen und Bewertungen dem dargestellten Gegenstand gegenüber unabhängig davon, ob und inwieweit sie mit der Realität übereinstimmen, ob und inwieweit sie verknappen, ausschneiden, fokussieren oder hinzu erfinden. Sie sind nicht an Wahrheit, sondern an Wahrhaftigkeit geknüpft: Ob sie authentisch oder plausibel wirken, ist entscheidend, nicht ob sie tatsächlich sind. Dass der „Norden“ seit der Antike als unerschöpfliche Projektionsfläche funktioniert, ist in einer Vielzahl von Publikationen nachgewiesen und in nahezu jeder Hinsicht dokumentiert (vgl. v. a. GRK 515 Imaginatio borealis). Nicht wenige Bilder haben Popularität besessen und in Teilen bis heute bewahrt.

Jedoch ist seit dem Jahr 2000 eine quantitative Zunahme an Bildern festzustellen, die alle bisherigen Bildregime übertrifft. Nicht nur die durch Trends und Moden ausgelösten internationale Popularisierungs- und Adaptionsprozesse haben dazu beigetragen, sondern auch die Erweiterung der Palette an Medien. Durch die Digitalisierung sind nicht nur nahezu sämtliche analogen Medienbestände zugänglich(er) geworden, sondern auch die Frequenz, mit der Bilder distribuiert werden, hat sich signifikant erhöht. Dies gilt sowohl für die konventionellen Medien der Literatur (v. a. im Bereich Krimi, Thriller, Historischer Roman, KJL), des Films (Thriller, Horror) und Serien, die eine enorme Resonanz erfahren haben. Ebenso Computerspiele, die an Komplexität und grafischer Überzeugungskraft gewonnen haben sowie besonders populäre Musik, v. a. Heavy Metal in allen Spielarten. Zu diesen sind mit Youtube, Tumblr, Instagram u. a. soziale Medien hinzugekommen, die hinsichtlich ihrer Verbreitungsmöglichkeiten und Speichervolumina alle bisherigen Repräsentationsformen übersteigen. – Ein paradoxes Nebeneinander von widerstreitenden Bildern, die Licht und Dunkel, Weite und Behaglichkeit, das Drohende und das Verlockende in nie abreißender Frequenz reinszenieren, (gerade) weil sie als Bilder zumeist kaum narrativ gerahmt sind.

Im Interesse unseres Arbeitskreises liegt es, diese populären Bilder auf ihre Funktionen ebenso wie auf ihre Welthaltigkeit zu befragen, Traditionslinien ebenso wie Verschiebungen nach zu verfolgen, aber auch gänzlich neue Aspekte in den Blick zu nehmen.

Kontakt:
Niels Penke (Siegen)
Matthias Teichert (Erlangen/Göttingen)

Beiträge

Begrüßung und allgemeine Einführung in den Arbeitskreis

Niels Penke (Siegen) & Matthias Teichert (Erlangen/Göttingen)

Bilder des Nordens in der Populärkultur. Überlegungen zur Mediengeschichte eines Phantasmas

Niels Penke (Siegen)

Populär ist, was Beachtung findet und sich im Kampf um Aufmerksamkeit (relativ und vorläufig) behaupten kann. Diese Popularität ist messbar; z.B. über Charts und Rankings, Auflagenzahlen und Zitationen. Populäre Bilder bestimmen Haltungen und Bewertungen dem dargestellten Gegenstand gegenüber, unabhängig davon, ob und inwieweit sie mit der (historischen, epistemischen, philologischen) Realität übereinstimmen, ob und inwieweit sie verknappen, verändern oder hinzuerfinden. Sie sind nicht an Wahrheit, sondern an Wahrhaftigkeit geknüpft: Ob sie authentisch oder plausibel wirken, ist entscheidend, nicht ob sie es tatsächlich sind. Populäre Bilder, die große Resonanz erzeugen können, sind daher meist andere als diejenigen, die auf Grundlage wissenschaftlicher Theoriebildung und systematischer Bestandsauswertung entstehen.

Dass der ‚Norden‘ seit der Antike als unerschöpfliche Projektionsfläche funktioniert, ist in zahlreichen Publikationen nachgewiesen und in vieler Hinsicht gut dokumentiert. Nicht wenige dieser Bilder haben Popularität besessen oder sogar in Teilen bis heute bewahrt. Seit dem Jahr 2000 aber ist eine quantitative Zunahme an Bildern festzustellen, die in ihrer großen Vielfalt und permanenten Verfügbarkeit alle früheren Bildregime übertrifft.

Mein Vortrag zielt darauf ab, diesen Zusammenhang im Sinne einer konkreten Popularisierungsgeschichte neu zu perspektivieren. Neben den jeweiligen Interessen und dem Was, also den Inhalten, Begriffen und Motiven, die populär gemacht und transformiert werden, soll auch konkret nach dem Wie gefragt werden. Dass die Popularisierungsgeschichte des Nordens eine starke mediengeschichtliche Komponente besitzt, die bis dato kaum erfasst wurde, soll am Beispiel einiger Praktiken der Popularisierung erörtert werden.

Borealer Schrecken. Phobotopische Inszenierungen des skandinavischen Nordens in der phantastischen Literatur und horror fiction seit 1800

Matthias Teichert (Erlangen/Göttingen)

Wie fast alle (populären) Erzählgenres bedienen sich auch Phantastik und Horrorliteratur zuweilen bestimmter geographischer oder ethnischer Stereotype: Transsylvanien, das vampirisierte „Land der Gespenster und Diebe“ (wie es, politisch inkorrekt, in Murnaus „Nosferatu“ genannt wird), das nebelverhangene Spukschloss auf dem englischen Land oder der ebenso geniale wie größenwahnsinnige deutsche Wissenschaftler sind einige markante Beispiele. Das Referat wird die Palette von Erzählstrukturen und -funktionen skizzieren, die Skandinavien und Skandinaviern in einem Querschnitt der unheimlichen Literatur seit der Schwarzen Romantik zugeschrieben werden, und ausgehend von Foucaults Begriff der Heterotopie das literarästhetische Konzept des Phobotopos vorstellen und diskutieren. Besprochen werden einerseits klassische Texte von E.T.A. Hoffmann, E.A. Poe, H.P. Lovecraft und Gaston Leroux, andererseits Exempla aus der Pulp- und Trashliteratur.

Otto Höflers Männerbünde im Spiegel der Germanenbilder der außer-akademischen Welt

Courtney Burrell (München)

Bei einer Untersuchung der Germanenbilder des 19. und 20. Jahrhunderts kann Otto Höflers (1901-1987) Forschung nicht übersehen werden: Seine Darstellung eines kriegerischen, ekstatisch-männerbündischen Germanen provozierte zu seiner Zeit hitzige Diskussionen und bleibt nach seinem Tod ein wichtiger Forschungsgegenstand. Insbesondere wurden die ideologischen Hintergründe einiger seiner Theorien auf Grund seiner politischen Beziehungen, vor allem wegen seinem Kontakt zu bedeutenden Figuren der NSDAP und SS – darunter unter anderem Walther Wüst, Alfred Bäumler und Heinrich Himmler – bereits in kritischen Auseinandersetzungen mit dem Einfluss der völkischen Ideologie und der NS-Bewegung auf deutsche und skandinavische Studien diskutiert. [1] Allerdings steht eine Untersuchung des konkreten Zusammenhangs von Höflers Recherchen und populären Darstellungen der Germanen in vergangenen Jahrzehnten – präziser in den 1930er und 1940er Jahren -, aber auch in jüngsten Zeiten, noch aus. Darüber hinaus fehlt eine Analyse der Aspekte des Nordens in seinem Germanenbild angesichts der Populärkultur. Daher, obwohl der Zusammenhang zwischen Höflers Forschung, dem völkischen Denken und den Organen des Dritten Reiches, besonders dem SS Ahnenerbe, bereits hinterfragt wurde, bleibt die Frage offen inwieweit sein Germanenbild überhaupt als „populär“ bezeichnet werden kann.

Zwar könnten einzelne Theorien Höflers mit Blick auf die Politik und Weltanschauungen der 1930er und 1940er Jahre analysiert werden, allerdings wird dieser Vortrag Höflers Germanenbild im Allgemeinen betrachten – mit besonderem Fokus auf die ‚nordischen’ Elemente seiner Darstellung. Dabei wird sein Germanenbild angesichts der bereits etablierten Germanendarstellungen der Zeit kontextualisiert und Beiträge zu populär-wissenschaftlichen Zeitschriften analysiert, die die Germanentum-Forschung zum Thema machten. Insbesondere steht die Zeitschrift des SS Ahnenerbes, Germanien. Monatshefte für Germanenkunde zur Erkenntnis des deutschen Wesens, im Mittelpunkt. Weiterhin wird die Differenzierung von populären und wissenschaftlichen Germanendarstellungen thematisiert, um eine Antwort auf die Frage des tatsächlichen Einflusses seines Germanenbilds in populären Kreisen der 1930er und 1940er Jahre zu finden.

[1] Siehe zum Beispiel: Klaus von See 1994, „Männerbund und Männerbundideologie von der Wilhelminischen Zeit bis zum Nationalsozialismus“, in: Barbar – Germane – Arier. Die Suche nach der Identität der Deutschen. Heidelberg, S. 319-342; ders. 1984. „Die Altnordistik im Dritten Reich“, in: Die Skandinavistik zwischen gestern und morgen: Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven eines „kleinen Faches“ (Schriftenreihe der Akademie Sankelmark Neue Folge 59). Hg. von Bernd Henningsen und Rainer Pelka. Oeversee, S. 39-63; Esther Gajek 2005, „Germanenkunde und Nationalsozialismus. Zur Verflechtung von Wissenschaft und Politik am Beispiel Otto Höflers“, in: Völkische Bewegung –konservative Revolution Nationalsozialismus. Aspekte einer politisierten Kultur. Hg. von Walter Schmitz und Clemens Vollnhals. Dresden, S. 325-355.

Schwerter, Schnee und Schund. Nordenbilder im Fantasy-Genre

Christine Amling (Frankfurt)

Schon seit der Antike hat der ‚Norden‘ die Menschen fasziniert. Er stellt das ‚Andere‘ da, in das verschiedene Gesellschaften unterschiedlicher Epochen ihre eigenen Vorstellungen von Identität und Alterität projizieren konnten. Durch diese Prozesse entstand durch die Jahrhunderte hindurch ein Konstrukt des Raumes ‚Norden‘, das eine Vielzahl heterostereotyper Topoi in sich vereint. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass diese Nordentopoi zu jeder Zeit mit der Realität wenig gemein haben. Sie sind vielmehr Imaginationen, die im Laufe der Jahrhunderte in das kulturelle Gedächtnis eingeschrieben wurden, von dort wieder entnommen wurden, variiert wurden und erneut eingeschrieben wurden. Auf diese Weise leben eine Vielzahl von Nordenbildern bis in die Gegenwart fort und prägen bis heute die populäre Wahrnehmung dessen, was als ‚nördlich‘ angesehen wird. Dabei muss klargestellt werden, dass es zu keiner Zeit ein einheitliches Nordenbild gab, nicht einmal innerhalb derselben Gesellschaft. Stattdessen konnten und können verschiedene Bilder parallel existieren. Auf der Basis jener Vorüberlegungen stellt sich die Frage nach der Konstruktion von ‚Norden‘ innerhalb von Texten des Fantasy-Genres.

Ab Beginn des 20. Jahrhunderts erfreuen sich Fantasypublikationen, die eine eigene fiktive Welt unabhängig der unsrigen entwerfen, zunehmender Beliebtheit. Eine solche Welt bezeichnet Ekman (2013) als „sekundäre Welt“, bei der es nicht darum geht, unsere tatsächliche Welt als sogenannte „primäre Welt“ literarisch widerzuspiegeln. Stattdessen liegen Fantasytexten als Handlungsort überdurchschnittlich oft Welten zugrunde, die ihre eigenen Naturgesetze und ihre eigene Geographie haben. In diesen Welten lässt sich häufig ein ‚Norden‘ ausmachen, der sich nicht nur innerhalb der für die Erzählung erfundenen Welten geographisch im Norden befindet, sondern auch ‚Norden’ genannt wird. Mithilfe der folgenden drei Fantasytexte soll untersucht werden, wie der fiktive Raum Norden in einem Umfeld konstituiert wird, in dem die Gestaltung der Welt beliebig sein kann. Ausgewählt wurden die Conan-Kurzgeschichten aus den 1930er Jahren von Robert E. Howard, da der kampfstarke Protagonist Conan aus dem nördlichen Cimmeria stammt und in allen Erzählungen einen Fremdkörper darstellt (Howard 2006), die ersten vier Bände der Sword-Dancer Saga (1986-2013) von Jennifer Roberson, deren Weltkonstruktion dual aus ‚Norden‘ und ‚Süden‘ besteht (Roberson 2006a, 2006b), und zuletzt die Publikation Unter dem Westwind (2008) des deutschen Pen&Paper Rollenspiels Das Schwarze Auge (Schwefel 2008), in der das im Nordwesten der fiktiven Spielwelt Aventurien lebende wikingerähnliche Volk der Thorwaler geradezu enzyklopädisch beschrieben wird.

Um nur einige Beispiele zu nennen, kann gesagt werden, dass in allen zu untersuchenden Werken die Landschaft des konstruierten ‚Nordens’ als rau, unwirtlich und eisig beschrieben wird, sowie ihre Bewohner als wettergegerbt und zäh. Die Kultur, die entworfen wird, ist geprägt von Freiheitsgedanken und zivilisatorischer Rückständigkeit. In einem weiteren Schritt gilt es nun, herauszufinden, welche Verbindung es zwischen den in den Texten nachgewiesenen Nordenbildern mit den ideengeschichtlichen Debatten der Nordenkonstruktion vergangener Epochen gibt. Hierdurch soll versucht werden, der Herkunft der prävalentesten Tropen auf die Spur zu kommen.

Den theoretischen Rahmen für die Untersuchung liefert die Hypothese, dass die Konstruktion von Räumen immer von Fragen von Identitäten und Alteritäten begleitet ist (cf Raible 1998). Diese Identitätskonstruktionen werden mithilfe des kulturellen Gedächtnisses bewahrt und von späteren Generationen aufgegriffen und den eigenen Bedürfnissen angepasst (cf Assmann 2007). Auf diese Weise werden auch die der Raumkonstruktion zugrundeliegenden Topoi weitergetragen. Auf Basis dieser Annahmen erfolgt eine Analyse aus raumtheoretischen Blickwinkel unter Zuhilfenahme der von Krah aufgestellten Betrachtungsaspekte (cf Krah 1999).

Literaturverzeichnis

Assmann, Jan (2007): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. 6. Auflage. München: C.H. Beck (Beck’sche Reihe, 1307).
Howard, Robert E. (2006): The complete Chronicles of Conan. Centenary Edition. Hg. v. Stephen Jones. London: Gollancz.
Krah, Hans (1999): Räume, Grenzen, Grenzüberschreitungen. Einführende Überlegungen. In: Kodikas/ Code Ars Semeiotica 22 (1-2), S. 3–12.
Raible, Wolfgang (1998): Alterität und Identität. Alterität. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 28 (110), S. 7–22.
Roberson, Jennifer (2006a): Sword-dancer/Sword-singer. New York: Daw Books (The novels of Tiger and Del, 1).
Roberson, Jennifer (2006b): Sword-maker/Sword-breaker. New York: Daw Books (The novels of Tiger and Del, 2).
Schwefel, Ragnar (Hg.) (2008): Unter dem Westwind. Thorwal, das Gjalskerland und die streitenden Königreiche Nostria und Andergast. Der aventurische Nordwesten. Unter Mitarbeit von Ragnar Schwefel. 2. Aufl. Waldems: Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH (Aventurische Regionen, 2).

American Thunder. Die Zähmung des wilden Nordens im Marvel-Comic-Universum

Simon Inselmann (Göttingen)

Der im Marvel-Universum archaisch dargestellte europäische Norden stellt für die an der amerikanisch-bürgerlichen Moral orientierten Superhelden ein zu bewältigendes Problem dar. Besonders der mythologische Überbau um den Erzschurken Loki bedroht nicht nur in den Serien des „Mighty Thor“ regelmäßig die Ordnung New Yorks, sondern auch in globalen und galaktischen Dimensionen den Frieden. Als Zwitterwesen nordisch-mythologischer Provenienz bei gleichzeitiger Verkörperung amerikanischer Werte im Wandel der Zeit übernimmt Thor dabei eine Doppelrolle als Vermittler zwischen der Erde und Asgard sowie als Beschützer beider Welten. Das Bild des Nordens wird vor allem durch dessen Nicht-Aktualisierung bestimmt, mordlüsterne Wikinger und einfältige Monster der niederen Mythologie treten seit den 1960ern an die Stelle moderner Demokratien. Ihre aktualisierte Version findet sich in Thor und ist Amerikaner. Zur Veranschaulichung werden an Garth Ennis‘ und Glenn Fabrys „Thor: Vikings“ sowie an Michael Avon Oemings und Daniel Bergmans Story-Arc „Ragnarok“ in „Thor 80-85“ zwei Strategien der Zähmung gezeigt, die teilweise explizit an unterschiedlichste Erzähltraditionen des Comics anknüpfen.

Njáll im Hörspiel

Daniela Hahn (München)

Dem riesigen deutschen Hörbuchmarkt kann man durchaus eine Schwäche für Skandinavien unterstellen, die auch die Wikinger miteinschließt. Trotzdem ist bisher nur eine Saga in Deutschland als Hörbuch erschienen. Ausgerechnet (oder: natürlich!) die Njáls saga, mit ihrer unüberschaubaren Personenanzahl und den vielen Handlungssträngen wurde 2011 anlässlich der Buchmesse als Hörspiel veröffentlicht (Die Island-Saga vom weisen Njál, Hörverlag 2011). Diese Bearbeitung geht auf eine frühere Fassung des WDR zurück (Der Baum des Haders, 1991) und ist mit 2 Erzählern und 53 Sprechern aufwendig inszeniert. Daneben war die Njáls saga Teil des Projekts Die Saga-Aufnahmen, bei dem 2011 vier Isländersagas an ihren Schauplätzen nacherzählt wurden und mit reichlich Begleitmaterial vom Supposé-Verlag auf den Markt gebracht wurden.

Hört man beide Versionen, bekommt man zwei ganz unterschiedliche Sagas von Njáll zu Ohren. Keiner der beiden könnte man allzu große Nähe zum Original vorwerfen. Und trotzdem bescheinigt die Hörbuchforschung der „Umwandlung mündlichkeitsnaher Texte in Hörtexte“ (Janz-Peschke) ein besonderes Potential. Auch für Mediävisten ist das Hörbuch ein interessantes Medium, wie vor allem Peter Wapnewski zeigen konnte. Für Sagas könnte man beispielsweise fragen, welche Einsichten Hörbücher oder vollständige Lesungen (wie es sie im Isländischen gibt) in frühere Rezeptionswege gewähren können.

Die beiden deutschen Hörbuchbearbeitungen könnten kaum unterschiedlicher sein. Die Island-Saga vom weisen Njál ist dramatisiert, extrem komponiert und sogar um ein neues Leitmotiv, den Baum des Haders, erweitert (konzeptionell schriftlich). Uneindeutigkeiten des Originals wurden getilgt, wodurch die Ähnlichkeit zu modernen historischen Romanen – Bestellern des Hörbuchgeschäfts! – groß ist. Die Saga-Aufnahmen sind dagegen locker arrangiert und mit vielen Zusatzinformationen ausgestattet. Die Njáls saga wird von Arthúr Björgvin Bollason im Plauderton erzählt; mit allen Gewichtungen, Interpretationen und Gedächtnislücken, die eine Einzelperspektive mit sich bringt (konzeptionell mündlich).

Einerseits soll also gefragt werden, was mit der ‚schriftlichsten‘ aller Sagas passiert, wenn sie mündlich nacherzählt wird – und andererseits, welche Kürzungen und Änderungen vorgenommen wurden, um diesen ‚mittelalterlichen Roman‘ in einen ‚historischen Roman‘ zu verwandeln.

‚Unten und im Norden‘. Mythos und Kultur in der ‚nordischen‘ Schaffensperiode Helrunars

Andreas Schmidt (München)

Die seit 2001 aktive Band Helrunar aus Münster zählt zu den avanciertesten Projekten aus dem Black Metal-Bereich, die sich der Adaption nordisch-mythischer Themen widmen. Während altnordische Mythen und ‚Wikinger‘-Erzählungen bereits seit den 1970ern die verschiedenen Sparten des Heavy Metal in Lyrik und Bildprogramm bereichern, und ihre Rezeption seit den späten 80ern und frühen 90ern als fester Bestandteil insbesondere der skandinavischen (Black-) Metal-Kultur betrachtet werden kann, zeigt Helrunars Materialzugang einige Besonderheiten.

Helrunar rezipieren altnordische Mythen auf eine Art und Weise, die im Gegensatz zu bloß naiv-unterhaltenden oder aktiv-traditionsbildenden Rezeptionsstrategien ebenso steht, wie sie sich von einer Neo-Rechtspolitisierung abgrenzt, indem sie fast wissenschaftlich-geschult an ihre Inhalte herantritt und somit als gewissermaßen ‚nordistisch‘ gelten könnte. Selbstaussagen zufolge speist sich das Interesse der Gruppe an den mythischen Erzählungen des alten Nordens hauptsächlich aus deren ‚archaischem Symbolismus und Wortkraft‘, die sie einer empfundenen ‚Bindungs- und Sinnlosigkeit der gegenwärtigen Welt‘ entgegensetzen wollen. Strategie von Helrunars Rezeption ist dementsprechend eine Aufnahme lyrischer Bildfragmente aus mythischen Stoffen in eine Songpoetik, die zum Teil Elemente expressionistischer Lyrik mit den Formen der Skaldendichtung kreuzt, oder Zitate moderner Dichtung mit Passagen eddischer Lieder montiert, und so eine modernistische Mythenbricolage ergibt. Dabei lässt sich an Helrunars Werk insgesamt eine deutliche Entwicklung aufzeigen: Sind ihre ersten Veröffentlichungen, trotz alles elaborierten Anspruchs, noch vergleichsweise ‚einfach‘ in ihrer Rezeptionsweise gehalten und greifen einzelne Mythenerzählungen inklusive einer verstärkten Einbindung original- und skandinavisch-sprachiger Zitate und Textausschnitte auf, entwickelt sich Helrunars Mythenadaption über eine Bearbeitung exklusiv des Balder-Mythos im Jahr 2007 hin zu einem „Kulturmythischen Psychodrama in drei Akten“ auf dem Album Sól von 2011, nach dem die Band sich von nordischen Inhalten vollständig löst. Die Erzählung des Mythos entwickelt sich so langsam zum ‚mythischen Erzählen‘ und bricht danach abrupt ab. Quelle dieses Mythos und der gesuchten ‚Archaik‘ und bildgewaltigen ‚Symbolismus‘ ist der Band dabei bis zum Ende dieser Schaffensperiode der alte Norden des skandinavischen Mittelalters, was sich auch in einer geographischen ‚Nordisierung‘ der Songtexte nachvollziehen lässt: Häufig finden sich in den Texten die Semantiken von Nördlichkeit, Tiefe, Alter, Wissen, vegetativer Frische, Feuer/Wärme und Eis/Kälte intrinsisch verbunden. Der Vortrag setzt sich zum Ziel, beispielhaft die Bilder des Nordens zu analysieren, die sich im textlichen Werk der Band niederschlagen, ebenso, wie daraus Rückschlüsse auf das Verständnis des Nordens und seiner Mythen im Konzept der Band zu ziehen.

Die Wikinger plündern: Versatzstücke nordischer Mythologie und Heldensage im Computer-Rollenspiel The Elder Scrolls V: Skyrim

Kieran Tsitsiklis (Tübingen)

Seit langem schlägt sich die beständige Attraktivität des mittelalterlichen Nordens in der modernen Populärkultur in zahlreichen Repräsentationen und Reinterpretationen nieder, die gerade in jüngerer Zeit häufig auch vom Fantasygenre beeinflusst sind. Das gilt speziell für eine der neuesten Medialisierungstechniken kultureller Topoi – Computerspiele. Dort findet sich ein solch “historisch-fantastischer Norden” besonders in Gattungen, die in hohem Maße mit der Simulation tiefgründiger, realistisch anmutender virtueller Welten operieren, vor allem dem Genre Computer-Rollenspiel. Der Titel The Elder Scrolls V: Skyrim von Bethesda Softworks (2011; kurz: Skyrim) stellt hierbei einen ebenso langlebigen wie interessanten Vertreter dieser Gattung dar:

Einerseits stand der mittelalterliche Norden eindeutig bei der Konzeptualisierung eines Teils der dortigen Spielwelt Pate. Andererseits besitzt ebenjene Welt aber auch eine übergreifende, grundlegende und detaillierte Hintergrundgeschichte, die klar in der Fantasy zu verorten ist, vergleichsweise wenig Kontaktpunkte mit dem historischen Mittelalter aufweist, und in vielen, insbesondere den übernatürlichen Aspekten mit dem nordischen Stoff in Konflikt steht. Dazu birgt die paradigmatische Interaktivität des noch jungen Mediums oft andere, teils völlig neue Herausforderungen bei der Adaption, als traditionellere Formen, etwa Literatur oder Musik.

In diesem Vortrag soll anhand ausgewählter Beispiele dargestellt werden, welche Faktoren und Bedingungen die Stoffauswahl im Rollenspiel beeinflussen, auf welchen Ebenen in Skyrim „altnordische“ Elemente integriert sind, welche Umsetzungsstrategien und Funktionalisierungen von Stoffen und Topoi sich finden, sowie ggf. an welche bestehenden Diskurse die virtuelle Repräsentation Anknüpfungspunkte bietet.
In diesem Zuge sollen außerdem kurz einige Fragen und Probleme angerissen werden, die in der Arbeit an und mit solchem Stoff für die Produktion von Computerrollenspielen auftreten; einem Genre, das durch seine interaktive Multimedialität zwar neue Schwierigkeiten mit sich bringt, aber bei entsprechender Ausgestaltung auch einen sehr eindrücklichen Zugang ermöglichen kann.

Spitzbergische Ost-West-Konflikte in norwegischer Literatur

Helene Peterbauer (Wien)

Die Arktis dient Norwegen spätestens seit den Entdeckungs- und Abenteuerreisen der Polarhelden Roald Amundsen und Fridtjof Nansen als Projektionsfläche für territoriale und ideologische Begehrlichkeiten, während der tatsächliche wirtschaftliche Wert der arktischen Gebiete u.a. aufgrund der mangelnden und – aufgrund der immer noch unwirtlichen Lebensbedingungen – schwer zu entwickelnden Infrastruktur fraglich bleibt, wie der dänisch-kanadische Konflikt um die Hans-Insel mehr als deutlich zeigt. Vor allem im 21. Jahrhundert haben jedoch die Medien dazu beigetragen, in der allgemeinen Auffassung vom Norden die Arktis als besonders heiß umkämpftes Gebiet und ebendiesen Kampf als wirtschaftlich wohlbegründet zu etablieren. Insbesondere Russland, dem größten arktischen Anrainerstaat, fällt in diesen Darstellungen in der Regel die Rolle des gierigen, gefährlichen Gegenspielers des Westens zu. Ein wesentlicher Grund für diese Sichtweise ist aus norwegischer Perspektive die Barentssee mitsamt der Inselgruppe Spitzbergen, in welcher außer Norwegen mittlerweile nur noch Russland sein im Spitzbergenvertrag von 1920 deklariertes Recht auf Besiedlung und wirtschaftliche Nutzung der Inselgruppe ausübt. Dabei kommt dem Kohlenbergbau eine zentrale Rolle zu: Während der in den vergangenen Jahrzehnten erwirtschaftete Gewinn die weitere Inbetriebhaltung der spitzbergischen Kohlestollen keineswegs rechtfertigt, wird dieser Industriezweig aufgrund seines hohen symbolischen, ideologischen und nationalistischen Wertes – nämlich als Garant einer permanenten staatlichen Präsenz – sowohl von Russland als auch von Norwegen subventioniert.

Norwegische literarische Werke, die das Leben der semipermanenten Bevölkerung Spitzbergens darstellen – allen voran die Romane Jon Michelets und Monica Kristensens – zeugen von einem klaren Bewusstsein über diesen (andauernden) Kalten Krieg und die Schlüsselstellung der Spitzbergener Kohlenbauindustrie für die Territorialansprüche Norwegens und Russlands in der Arktis. V.a. die Kriminalromane Monica Kristensens ergänzen und diversifizieren jedoch auch das in den Medien, in Filmen (z.B. Orions belte (1985)) und TV-Serien (z.B. Okkupert) verbreitete Bild des russischen Aggressors mitsamt seinen Implikationen für das Selbstimage der Norweger.

Das Make-Up des Narrativs. Der Transfer skandinavischer Kriminalromane auf den deutschsprachigen Buchmarkt

Jennifer Grünewald (Freiburg)

Der skandinavische Kriminalroman ist in Deutschland neben dem Regio-Krimi der einzige seines Genres, der durch seine Herkunftsbezeichnung von anderen Ländern abgegrenzt und dadurch charakterisiert wird. Sowohl in Buchläden als auch auf Verlagshomepages haben die oft oberflächlich als „Schwedenkrimi“ bezeichneten Texte damit ein Alleinstellungsmerkmal, das mit bestimmten Erwartungen und stereotypen Vorstellungen nicht nur der Romane, sondern auch mit Skandinavien an sich einhergeht. Neben der Bezeichnung Schwedenkrimi/Skandinavischer Kriminalroman – was oft an auffälliger Stelle auf den Buchumschlag gedruckt wird – findet auch über die generelle Umschlaggestaltung eine Art des Labelings statt.

Dabei kann nicht nur die Gestaltung der Originalausgaben ein fruchtbarer Forschungsgegenstand sein – wie beispielsweise Karl Berglund überzeugend dargelegt hat –, es lohnt sich auch ein Blick auf Funktion und Wirkung der deutschen Versionen. Da das Werk in einen neuen Kontext eingebettet und einer neuen Zielkultur zugeführt wird, zählt eine Veränderung der Paratexte Titelbild, Titel und Klappentext augenscheinlich zu den Instrumenten dieses Transfers. Im Vordergrund steht dabei nicht unbedingt der Zusammenhang des Visuellen mit dem beinhalteten Narrativ, stattdessen werden eindeutige Elemente eines Verbrechens mit skandinavischen Stereotypen in Verbindung gebracht. So zeigt das deutsche Cover von Kjell Erikssons Mannen från bergen eine leblose Hand und Blut im Schnee und auch der Titel wurde passenderweise zu Rot wie Schnee geändert – ganz im Gegensatz dazu spielt die komplette Handlung des Buches in den Sommermonaten und keine Leiche kommt je mit Schnee in Berührung. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass die schwedische Originalversion keinen Schnee auf dem Cover beinhaltet.

Beim Transfer der skandinavischen Bücher auf den deutschsprachigen Buchmarkt wird durch die Veränderung der Paratexte eine Verschiebung der Fokussierung durchgeführt. So wird aus Leif Davidsens Den ukendte hustru bei der Übersetzung Der Russe aus Nizza und aus Henning Mankells Den orolige mann wird Der Feind im Schatten. Nicht zu vergessen Stieg Larssons Millennium-Trilogie, die mit den nichtssagenden, aber knackigen Titeln Verblendung, Verdammnis, Vergebung erscheinen. Aber auch die Titelbilder verändern sich stark: Während sowohl bei Arne Dahls Dödsmässa als auch bei Butlers & Öhrlunds Mord.net auf den Originaltitelbildern ein starker Russlandbezug herausgearbeitet wird, tilgt die deutsche Übersetzung den Hinweis auf dieses sehr zentrale Motiv zumindest äußerlich.

War vor Jahren noch das rote ‚Schwedenhaus‘ am Meer – gerne auch mit Schnee und ein bisschen wilder Natur – das wichtigste Gestaltungsmerkmal der aus Skandinavien übersetzten Kriminalromane, kann man mittlerweile andere Trends erkennen. So sind minimalistische Darstellungen einzelner Objekte vor dunklem oder mystisch weißem Hintergrund heute in den meisten skandinavischen Krimireihen ausschlaggebendes Gestaltungsmerkmal (vgl. u.a. Jussi Adler-Olsen, Henning Mankell, Arne Dahl, Jo Nesbø). Vor allem als Waffen zu verwendende Gegenstände bzw. Gegenstände die allgemein an Tod erinnern, aber auch wehrlose kleine Tiere wie Vögel und Insekten tauchen vermehrt auf.

Der Vortrag soll anhand von Nebeneinanderstellung skandinavischer und deutscher Versionen aufzeigen, worin genau die Verschiebung in den Paratexten besteht: Was wird verändert und können hier Tendenzen im Labeling skandinavischer Kriminaltexte herausgearbeitet werden? Welche skandinavischen Stereotype wurden und werden dazu herangezogen? Wie unterscheidet sich die Gestaltung skandinavischer Kriminalromane von der anderer Kriminalromane?