Figuren des Dritten in der altnordischen Literatur

Raum 209b

Beschreibung

Vermittler, Boten und Ratgeber, Zauberkundige und Trickster, Rivalen und Parasiten: Sie alle stammen aus dem Kabinett der sogenannten „Figur des Dritten“. Dort, wo Übergänge eine zentrale Rolle spielen, wo sich Polaritäten des Typs Innen/Außen, Kultur/Natur, Eigen/Fremd, Angemessen/Unangemessen bilden oder auflösen, ziehen solche Figuren besonderes Augenmerk auf sich. Doch während z. B. Neuere Literaturwissenschaft, Ethnologie und Geschichtswissenschaft seit einigen Jahren verstärktes Interesse an diesem facettenreichen Konzept bekunden, hat es in den mediävistischen Disziplinen, darunter die Altskandinavistik, bisher wenig Beachtung erfahren. Zu Unrecht, wird doch in altnordischer Literatur regelhaft von Ursprüngen, Grenzen und Liminalität berichtet; Handlungsentwicklungen in der Erzählwelt erscheinen oftmals als Resultat eines dynamischen Wechselspiels dieser Momente.

Ziel unseres geplanten Arbeitskreises ist es, über die Fokussierung dritter Figuren neue Interpretationen vermeintlich bekannter Texte zu erproben. Denkbar sind u. a. Detailinterpretationen spezifischer Figuren in den Sagas oder der mythologischen Überlieferung, Vergleiche bestimmter Typen von „Dritten Figuren“ in größeren Textkorpora oder narratologische Analysen charakterisieren Erzählstrukturen. Von der Zusammenführung verschiedener Lesarten von „Figuren des Dritten“ erhoffen wir uns einen vertieften Einblick in die Möglichkeiten und Grenzen dieses neuen Paradigmas der Kulturwissenschaften (Albrecht Koschorke) für unser Verständnis mittelalterlicher Literatur. Schließlich soll damit auch ein Beitrag zur andauernden Debatte um den Nutzen von Literaturtheorie in der Mediävistik geleistet werden.

Kontakt:
Anita Sauckel (Reykjavik)
Jan Alexander van Nahl (Reykjavik)

Beiträge

Figuren des Dritten – Perspektiven auf ein Paradigma der Kulturwissenschaften

Anita Sauckel (Reykjavik) & Jan Alexander van Nahl (Reykjavik)

Disruptivität, Transgressivität, Monstrosität: Das Monströse als ‚third term‘ in den Isländersagas

Rebecca Merkelbach (Tübingen)

In seinem 1996 erschienenen Artikel, ‘Monster Culture (Seven Theses)’, schreibt Jeffrey Jerome Cohen dass, „[b]ecause of its ontological liminality, the monster notoriously appears at times of crisis as a kind of third term that problematizes the clash of extremes“. Das Monster ist deshalb, laut Cohen, ein Wesen, das, in seiner eigenen Hybridität, scheinbar feststehende Binaritäten unterbricht und aufbricht – ein Wesen, das in dieser Fragmentation die Erkundung der Räume ermöglicht, die außerhalb und zwischen diesen Polaritäten liegen.

Während es also seit spätestens zwei Jahrzehnten literatur- und kulturwissenschaftliche teratologische Theorien gibt, die in anderen Fachgebieten einigen Einfluss hatten, haben diese Ansätze bislang wenig Anwendung in der Altnordistik erfahren. Einzelne Figurentypen – vor allem Riesen und Trolle – wurden teratologisch diskutiert, und Hendrik Lambertus untersuchte in seiner Dissertation das Monströse in den riddarasögur. Eine Betrachtung der menschlicheren Monster – der Wiedergänger, Zauberkundigen, Berserker und Ächter, die die Isländersagas bevölkern – ist jedoch bisher nicht erfolgt. Deshalb steht auch eine Untersuchung der Strukturen, die durch diese monströsen Figuren aufgebrochen werden, bislang aus.

Basierend auf meiner vor kurzem abgeschlossenen Doktorarbeit, ‘Dólgr í byggðinni: The Literary Construction and Cultural Use of Social Monstrosity in the Sagas of Icelanders’, werde ich in diesem Vortrag zunächst die Darstellung von Monstrosität in den Isländersagas untersuchen. In diesem Kontext ist es sinnvoll, statt von physischer von einer sozialen Monstrosität auszugehen, die sich vor allem durch gesellschaftliche Transgressivität und Disruptivität auszeichnet. Diese Transgressivität ermöglicht es mir dann im zweiten Schritt, die sozialen Monster der Isländersagas in ihrer Funktion als „third term“ zu betrachten.

In dieser Funktion unterbrechen soziale Monster nicht nur Dichotomien von Natur und Kultur, von Innen und Außen, sowohl im gesellschaftlichen wie auch im räumlichen Sinn, sondern sprengen auch die Binarität von Mensch und Nicht-Mensch, oder Monster. Das (soziale) Monster kann nämlich nur durch die Beurteilung einer außenstehenden Authorität als solches bestätigt werden. Wie Asa Simon Mittman es ausdrückt: „a monster is not really known through observation; how could it be? How could the viewer distinguish between ‘normally‘ terrifying phenomena and abnormally terrifying monstrosity? Rather, I submit, the monster is known through its effect, its impact.“ Im Fall sozialer Monster muss deshalb die Monstrosität von der Gesellschaft, gegen die das Monster agiert, wahrgenommen und dem Monster zugesprochen werden. Aus dieser Interaktion zwischen dem handelnden Monster und der reagierenden Gesellschaft, ergibt sich aber wiederum, dass Monstrosität selbst kein fixes Konzept ist, sondern eine Skala fließender Kontinuität, auf der unterschiedliche Figurentypen unterschiedliche Räume einnehmen. Das Monster, in seiner disruptiven Funktion, bricht deshalb auch das System seiner eigenen Klassifikation auf und ermöglicht neue, offenere Zugangsweisen zu einem Wesen, dessen „propensity to shift“, wie Cohen formuliert, es nie greifbar, nie wirklich verständlich macht.

Tertium comparationis: Figuren und Strukturen des ‚Dritten‘ in der Færeyinga saga im Kontext des isländischen 13. Jahrhunderts

Andreas Schmidt (München)

Die Færeyinga saga wurde lange Zeit hindurch primär strukturalistisch geprägten Lesarten unterworfen. Entsprechend einflussreich waren in der Betrachtung der Saga bisher die typischen binären Paare des strukturalistischen Denkens: So ginge es der Saga vermeintlich in der Hauptsache um einen Diskurs über Unabhängigkeit einer nordischen Kolonie vom norwegischen Königreich oder um die Dichotomie von Christentum und Heidentum. Im Rahmen meines Dissertationsprojektes hoffe ich, erweisen zu können, dass eine Textansicht, die sich lediglich auf die zahlreichen dichotomischen Elemente der Saga konzentriert, für ein angemessenes Verständnis ihres Gehalts zu kurz greift. Hilfreich kann in diesem Unterfangen auch das Konzept des ‚Dritten‘ und der Tertialität sein.

So situieren sich die Figuren der Erzählung zwar durchaus innerhalb dualer Paradigmen entlang der Achse eines Diskurses von Identität und Alterität, sind aber häufig mit Zügen ‚dritter‘ Figuren, wie etwa des Tricksters oder des Mediators, ausgestaltet. Zudem treten sie nicht selten in Dreiergruppierungen zueinander in Beziehung – tatsächlich kann der den Plot bestimmende Konflikt erst durch die Bildung einer Figurentriade endgültig gelöst werden. Mithin scheint das Interesse des Textes selbst weniger den strukturell bedeutsamen Zweierpaaren zuzukommen, sondern dem dynamischen, ‚dritten‘ Element dazwischen. Die tertiären Figurenzeichnungen fordern die Gültigkeit der Strukturpolaritäten heraus, die Erzählung thematisiert zentral Momente der Auflösung und Umschmelzung von Strukturen, letztlich der Strukturbildung selbst.

Denn die sich aus diesen Figurenkonzeptionen ergebenden Ambiguitäten der Saga erstrecken sich nicht allein auf die Figurenebene, sondern sie strahlen auf Erzählstruktur und Darstellungstechnik aus. Dementsprechend werden aus dem Sagakorpus gewohnte Erzählkonventionen nicht selten gebrochen und invertiert. Infolgedessen wird die Færeyinga saga selbst als Tertium im Kontext der Isländersagas und der isländischen Gesellschaft des 13. Jahrhunderts lesbar. Da die Ereignisse auf den Färöern situiert werden, können die isländische Gesellschaft betreffende Inhalte beispielhaft aber nach außen verlagert ausagiert werden. Somit kann ein Diskurs über isländische Identität über das Vehikel der Færeyinga saga angestoßen werden, und zwar nicht allein im Spannungsverhältnis zum norwegischen Königshaus, sondern durch einen lebendigen Entwurf von Überlegungen zur Entwicklung von Machtstrukturen.

Die Seherin beobachten

Katja Schulz (Frankfurt)

In der Völuspá erzählt die Seherin Odin, was sie von den Geschicken der Welt bis hin zu den Ragnarök gesehen hat. Odin und die meiri ok minni mögu Heimdallar beobachten sie bei dieser Schilderung ihrer Beobachtung, und wir beobachten, wie sie vor diesem Forum ihre Rede vorträgt. Die Rahmen- und Kommunikationssituation der Völuspá ist nicht ohne Grund ein umstrittener Dauerbrenner der Forschung. In meinem Beitrag möchte ich einen Blick darauf werfen, ob eine Beobachtung des Beobachters, wie sie die Systemtheorie auch in die Literaturwissenschaft eingeführt hat, neue Erkenntnisse über das Verhältnis von Publikum, Sprecherin und der Welt, aus der sie berichtet, zulässt.

Troll und Mensch. Zur Figur des ‚Mischlings‘ (blendingr) in der altisländischen Literatur

Mathias Kruse (Kiel)

Als ein Typus des „Dritten“, für den das Altisländische eine erstaunlich ausdifferenzierte Terminologie aufweist, erscheint die in zahlreichen Sagas auftretende Figur des ‚Halbriesen‘ (hálfrisi, hálftrǫll) und ‚Mischlings‘ (blendingr). So steht an der Spitze der Ahnenreihe des Egill Skalla-Grímsson sowie der norwegischen Hrafnistumenn, denen mit Grímr loðinkinni schließlich ein weiteres Halbblut zuzurechnen ist, ein gewisser Hallbjörn ‚Halbtroll‘, während weibliche Mischlinge wie Alba und Brana aus Valdimars saga und Hálfdanar saga Brǫnufóstra die Handlung von Ritter- und Abenteuersagas prägen, indem sie menschlichen Helden hilfreich zur Seite stehen – auch gegen die eigene, den Riesen und Trollen zugehörige Verwandtschaft. Mischlinge verschiedenster Art prägen die Bárðar saga Snæfellsáss, die nicht nur den Mensch, sondern auch den ‚Troll‘ vom ‚Riesen‘ zu scheiden versucht, während Starkaðr ‚der Alte‘, ein aufgrund widersprüchlicher Quellen nur schwer zu kategorisierender „Riesenheld“, nicht Mensch, noch Riese, sondern „eine Art Pervertierung von beidem“ (wie es William Layher ausdrückt), als weitere Randfigur zwischen Mensch und Riese oszilliert.

Angesichts einer solchen Vielfalt altnordischer „Mischlingserscheinungen“ stellt sich nicht nur die Frage nach der Funktion entsprechender Figuren und entsprechender Charakterisierungen, sondern auch nach den Konsequenzen, die sich aus der Darstellung der Mischwesen ergeben. Sind sie Geachtete oder Geächtete, Beides in Einem oder Nichts von Beidem, Mittler oder „Mittelding“ – auf einer Skala der Devianz, die vom normativ Menschlichen ausgehend bis hin zum ‚ganzen‘‚ ‚voll ausgebildeten‘ Troll reicht (aðaltrǫll; fullkomit trǫll)?

Der Ritt auf dem Tiger – Ambige Vermittler in den Königssagas

Jan Alexander van Nahl (Reykjavik)

In seinem jüngsten Buch „Kontrolle der Macht“ (2016) arbeitet Gerd Althoff eine bemerkenswerte Entwicklung von Formen der Beratung ab dem 12. Jahrhundert heraus, die einherging mit der zunehmenden Kritik des praktischen Werts solcher Tätigkeit: Gesellschaftliche und politische Krisen wurden zunehmend als Resultat falscher Beratung und damit falscher Berater verstanden. Der Herrscher selbst musste zwischen konkurrierenden Ratschlägen ausgleichend wirken, um Krisen erfolgreich zu begegnen – ein „Ritt auf dem Tiger“, wie Althoff formulierte.

Auch die altisländischen Königssagas des 13. Jahrhunderts lassen sich vor dieser zunehmenden Dynamik perspektivieren, widmen sie doch Beratung und Planung breiten Raum. Bisherige Forschung hat entsprechende Szenen aber wesentlich als Steinbruch betrachtet, aus dem der moderne Historiker Informationen zu Grundzügen skandinavischer Herrschaftsformen zu bergen habe. Die narrativ entfaltete Dynamik dieser Episoden wurde dabei zugunsten binärer Schemata weitgehend vernachlässigt. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive bleibt diese Marginalisierung analytisch unbefriedigend. Denn Planung und Beratung erscheinen in den Königssagas allein als temporär verfügbare Momente in einem kontingenten Raum, der zugleich Handlungsbereich und Unsicherheitsbereich, also fundamental ambivalent ist.

Diese narrativ verhandelten Dynamiken erfordern eingehendere Beachtung, sind in ihnen doch auch im Blick auf einen gesellschaftlichen und politischen Alltag geradezu Multiplikatoreffekte für Kontingenz wirksam. Beratern und Vermittlern – sei es der altgediente Heerführer, der besonnene Gelehrte oder der einfache Mann – kommt darin zentrale Bedeutung zu: Sie stehen nicht nur als ‚Dritte‘ zwischen handelnden Parteien, deren Kommunikation der doppelten Kontingenz von Nichtnotwendigkeit und Nichtunmöglichkeit unterliegt, sondern sie stehen gewissermaßen auch als ‚Dritte‘ zwischen Handlung und Zufall, müssen also menschliches Handeln gegen Aktantenleerstellen begründen. Die bemerkenswert ambige Zeichnung vieler Berater und Vermittler in den Königssagas kann vor diesem Hintergrund unterschiedlich interpretiert werden.

Mein Vortrag geht diesem Fragenkomplex in exemplarischer Betrachtung nach und ermöglicht damit sowohl ein narratologisches als auch ein anthropologisches Urteil zu „Figuren des Dritten“ in den Königssagas.

„Er hatte eine schöne Tochter, die Medea hieß und zauberkundig war“: Zauberei und Gendertransgression in der Trójumanna saga

Sabine Walther (Bonn)

In der altisländischen Trójumanna saga tritt die Figur der Medea auf, die bekannt aus klassischer Literatur schon als Zauberin prinzipiell das Zeug zu einer Figur der Dritten hat. Der Vortrag wird zunächst die Figur der Medea in den verschiedenen Versionen der Trójumanna saga betrachten, vor allem wird es darum gehen die sog. Alphaversion gegen die Betatexte aus Ormsbók und Hauksbók zu stellen und zu vergleichen. Während Medea in den Betatexten der bekannteren klassischen Tradition der Zauberin und verlassenen Geliebten folgt, gestaltet die Alphaversion eine positive Figur, die einer anderen Traditionslinie verbunden ist. Hier ist der Einfluss verschiedener Quellentexte und Erzählabsichten zu analysieren.

In einem weiteren Schritt wird zu fragen sein, wie die isländischen Übersetzer/Autoren mit dem Quellenmaterial umgehen und welche Bezüge zu „indigener” Literatur und in diesen Texten konstruierten Konzepten von Frauen mit Zauberfähigkeiten besteht. Im Falle der Medea der Betatexte scheint die Übertragung von männlichen Eigenschaften bei der negativen Gestaltung – und Beurteilung – der Figur eine Rolle zu spielen, während Medea im Alphatext in ihrer Rolle als Frau bleibt und vermutlich auch aus diesem Grund positiv gestaltet – und beurteilt – werden kann.

Ist die Transgresssion von Geschlechterrollen bereits in der Quelle vorhanden oder erst in der „Übersetzung” hinzugefügt? Ist sie die Ursache negativer Beurteilung oder eher erzählerisches Beiwerk? Wie werden andere die Geschlechterrollen überschreitende Frauenfiguren in altnordischer Literatur vom Erzähler beurteilt? Sind die Zauberfähigkeit und das Überschreiten von Geschlechterrollen auch sonst gelegentlich verbunden?