Posterpräsentationen

Die Poster werden in einer Dauerausstellung gezeigt. Am Freitag (14.30 bis 15.30 Uhr) gibt es außerdem die Möglichkeit zu Fragen und Diskussion.

Afrikanismus in deutscher und schwedischer Migrations- und Reiseliteratur

Hanna Rinderle (Freiburg)

In ihrem 1992 erschienen Essayband Playing in the Dark [Im Dunkeln spielen, 1995] prägte die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison in Anlehnung an Edward Saids Orientalismus-Studie den Begriff des „Afrikanismus.“ Afrikanismus stehe für „die Bedeutung und für die Beiklänge des Schwarzseins, für das afrikanische Menschen heute stehen, sowie für die ganze Skala von Ansichten, Meinungen, Interpretationen und Fehlinterpretationen, welche die eurozentrische Lehre über diese Menschen begleiten.“

Historisch betrachtet verfügen sowohl Deutschland als auch Schweden spätestens seit der Zeit des Imperialismus über einen engen Kontakt mit Afrika: Während Deutschland über mehrere koloniale Besitzungen in West- und Ostafrika verfügte, standen schwedische Söldner bei der Kolonialisierung des Kongo in den Diensten von Leopold II. und zahlreiche Missionare waren in verschiedenen Gebieten Afrikas tätig. Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte in Afrika unterscheidet sich in beiden Ländern jedoch in entscheidenden Punkten: Während diese in Deutschland immer wieder thematisiert und kritisch hinterfragt wird, setzt sich Schweden zwar auch mit der eigenen Mission in Afrika auseinander, allerdings steht hierbei das Selbstbild einer ‚humanitären Großmacht‘ (Körber/Löbel 2009) im Vordergrund, dessen Entstehung stark mit den Namen Palme und Hammarskjöld verbunden ist.

Die Begegnung mit dem Fremden und der Fremde wird bekanntlich insbesondere innerhalb der Reiseliteratur dargestellt und reflektiert, wobei die Auseinandersetzung mit Identität und Alterität sowie mit Selbst- und Fremdwahrnehmung ebenso bei der literarischen Darstellung von Migration, sei diese nun freiwillig oder erzwungen, eines der zentralen Themen ist. Reise- und Migrationsliteratur nach Afrika bildet aufgrund der oben beschriebenen, historischen Hintergründe sowohl einen Teil der deutschen als auch der schwedischen Literaturgeschichte, so lassen sich für beide Literaturen Berichte von Kolonisatoren und Missionaren spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts belegen.

In meiner Arbeit, die als (diachrone) komparatistische Studie angelegt ist, möchte ich Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Afrikanismus in der deutschen und der schwedischen Migrations- und Reiseliteratur herausarbeiten. Dabei gehe ich den von Morrison gestellten Fragen nach, wie in den jeweiligen Literaturen Schwarz-sein und Weiß-sein literarisch inszeniert wird und welche Bedeutungszuschreibungen mit diesen Identitäts-Konstruktionen einhergehen. Dabei sollen literarische und ideengeschichtliche Traditionslinien in die Interpretationen mit einbezogen werden. Der Vergleich der beiden Literaturen soll feststellen, ob die unterschiedlichen historischen Hintergründe der behandelten Texte jeweils zu verschiedenen Repräsentationsformen von Schwarzen geführt haben, oder ob dennoch starke Ähnlichkeiten bestehen.

In der Posterpräsentation werde ich methodische Aspekte, den Korpus sowie erste Arbeitsthesen vorstellen und zur Diskussion stellen.

Altertumskundliches Forschungsprojekt „Goldblechfiguren“

Alexandra Pesch (Kiel/Schleswig)

An die dreitausend winzige Figürchen aus hauchdünnem Goldblech sind in den letzten Jahrzehnten an archäologisch bedeutsamen Plätzen in Skandinavien gefunden worden. Sie zeigen menschliche Gestalten, Männer und Frauen, selten auch Tiere. Doch was genau die Bilddarstellungen bedeuten und welche Funktion die Bleche hatten, ist bis heute ungeklärt. Einzelpublikationen lokaler Fundplätze sind bisher nicht gemeinsam gewürdigt, die einzelnen Thesen nicht korreliert worden. Nun machen aktuelle Funde eine solche Neubewertung der bisherigen Forschungen möglich.

Die Objekte aus der weitgehend schriftlosen Zeit des nordischen Raumes im ersten Jahrtausend lassen sich nicht über Texte indigener oder externer Kulturen verstehen. Insofern betrifft das Projekt keinen Kernbereich des Faches Skandinavistik, es gehört aber zur Skandinavischen Altertumskunde und ist in vieler Hinsicht interdisziplinär.

Am Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) in Schleswig ist ein internationales Forschungsprojekt ins Leben gerufen worden, das sich dem Phänomen der Goldblechfiguren und den zahlreichen mit diesen faszinierenden Stücken verbundenen Ideen und Forschungsfragen widmet. Ein DFG-Antrag, der in Kooperation mit Dr. Michaela Helmbrecht (München) eingereicht wurde, soll die Finanzierung für 2-3 Jahre sichern.

Zwei Hauptziele werden verfolgt:

  1. die Beziehung der Bilddarstellungen zur Bildkunst benachbarter Kulturen aufzuzeigen und so die kulturellen Verbindungen im alten Norden zu erhellen und der eigentlichen semantischen Bedeutung der Chiffren näher zu kommen, sowie
  2. die Fragen nach der nach den archäologischen Fundumständen, nach dem originalen Umfeld der Stücke und damit auch ihrer Datierung zu klären.

Kernstücke des Projektes sind zwei Workshops, zu denen spezialisierte internationale Gäste eingeladen sind. Alle Beiträge sollen in einer gemeinsamen Publikation münden.

Leitfragen des Projekts:

  • Welche Verbindungen bestehen zwischen der Ikonographie der Goldblechfigürchen und anderen Bildersprachen des Abendlandes?
  • Wo mögen die Vorbilder zu suchen sein?
  • Was bedeuten die standardisierten Darstellungen, insbesondere die Attribute und Gesten?
  • Aus welchen archäologischen Befundzusammenhängen stammen sie, aus welchen nicht, ist ein generelles Muster erkennbar?
  • In welcher Zeit wurden die Goldblechfigürchen hergestellt und verwendet?
  • Wie verhält sich das Aufkommen der Goldblechfigürchen zu anderen nordischen Fundgruppen, insbesondere zu Brakteaten?
  • Warum tragen Goldblechfigürchen keine Runeninschriften?
  • Lässt sich am Aufkommen der Goldblechfigürchen eine politisch-religiöse Umwälzung ablesen bzw. die Existenz zweier verschiedener Kulte bzw. Religionen nebeneinander nachweisen?

In Zusammenführung der Erkenntnisse aus beiden Workshops sollen die ikonographischen und archäologischen Ergebnisse diskutiert werden. Es geht darum, das Phänomen der Goldblechfigürchen in gesellschaftlicher, religiöser und politischer Perspektive historisch zu verstehen. Am Übergang von der Völkerwanderungs- zur Vendelzeit und weiter bis zur Wikingerzeit sind die Goldblechfigürchen grundlegend zum Verständnis des nordeuropäischen Sonderwegs im ersten Jahrtausend. Sie lassen Einblicke in die damalige Vorstellungswelt und die synthetischen Prozesse germanischer Bildkonzeption zu, sind aber offenbar auch als Spiegel von neuen Einflüssen zu verstehen, die bereits den Weg ins europäische Mittelalter einleiten.

Annales Ryenses – Rydårbogen. Die Transmission und Übersetzung eines mittelalterlichen Annalenwerkes

Anja Ute Blode (Köln)

Zur Geschichtsschreibung, Historiographie, zählen Schriften, die historische Ereignisse festhalten und zum Zwecke der memoria, aber auch als exempla verfasst wurden. Das um 1288 an der Flensburger Förde entstandene Werk Annales Ryenses bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Der Text besteht aus einer Paraphrase von Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum und einer darauf aufbauenden Fortsetzung in Annalenform. Hierbei wird die dänische Geschichte vom Sagenkönig Dan bis in die Anfangszeit König Eriks VI. Menved (†1319) abgedeckt. In den folgenden zwei Jahrhunderten wurden mehrere Übersetzungen und Fortsetzungen dieses Textes ins Dänische angefertigt, von denen sich drei bis heute erhalten haben. Zusammen bilden diese vier Handschriften eine Besonderheit innerhalb der ostnordischen Geschichtsschreibung hinsichtlich ihres Inhalts, der Verwendung der Volkssprache und ihrer Materialität und sind eine der reichsten Quellen für die mittelalterliche Geschichte Dänemarks. Sie bieten nicht nur materialphilologisch, sondern auch in Zusammenhang mit den in ihnen enthaltenen Texten aus dem religiösen, höfischen und rechtlichen Bereich eine reiche Forschungsquelle. Zudem beeinflussten die Texte spätere Geschichtswerke und Sagas aus ganz Skandinavien und Norddeutschland.

Trotz der erwähnten Bedeutung für die dänische Geschichtsschreibung liegen keine neueren Untersuchungen der Annales Ryenses vor. Besonders den jüngeren dänischen Übersetzungen wurde kaum ein Quellenwert beigemessen. Eine dem aktuellen Stand der Forschung entsprechende Untersuchung ist deshalb ein Desiderat. Mein Promotionsvorhaben wird in dieser Hinsicht Abhilfe schaffen. In der Projektpräsentation werden daher das Promotionsvorhaben sowie die Bedeutung dieser Texte für die ostnordische Geschichtsschreibung vorgestellt. Der bisher in der skandinavistischen Mediävistik leider randständig betrachtete Bereich der Ostnordistik wird in den Fokus gerückt und die Notwendigkeit einer Neuuntersuchung nach modernen wissenschaftlichen Standards aufgezeigt.

Die Präsentation wird auf die sich hinsichtlich des Materials zu stellenden Fragen eingehen. Behandelt werden u.a. die Beschaffenheit des Handschriftenmaterials und die Faktoren, die den Zusammenhang der gemeinsam überlieferten Texte beeinflusst haben. Die hinter den inhaltlichen und formalen Veränderungen der dänischen Übersetzungen stehenden Intentionen und Funktionen werden durch eine Studie der historischen, politischen und kulturellen Hintergründe herausgearbeitet. Für die Übernahme von Textinhalten im In- und Ausland werden kulturelle Übertragungsprozesse rekonstruiert.

Ein moderner Blick auf die Handschriften soll durch die Verknüpfung von Methoden der Geschichtswissenschaft und der Textphilologie ermöglicht werden. Die Kombination von Materialphilologie, Polysystemtheorie und des Kulturtransfers dient dazu, die komplexen materialtechnischen und inhaltlichen Fragen zu beantworten, aber auch eine Analyse des Transfers zu ermöglichen, um damit eine umfassende Untersuchung und Kontextualisierung der Annales Ryenses vorzulegen.

Die Präsentation wird somit einen Beitrag zur Diskussion um interkulturelle Vernetzungen beim Transfer von Texten und Handschriften im nordeuropäischen Mittelalter aber auch innerhalb der Materialphilologie leisten. Diese Ansätze werden mit der Posterpräsentation einem größeren Publikum präsentiert und zur Diskussion gestellt.

Atlantic outlooks on place: place lore and storytelling traditions in Iceland and Ireland

Matthias Egeler (München/Cork)

Atlantic Outlooks on Place is an interdisciplinary project spanning the fields of Celtic Studies and Scandinavian Studies, two fields whose objects of study are intimately connected through the close contacts that existed between medieval Scandinavia and medieval Ireland since the beginning of the Viking Age. The project presents the first comparative study of the semantization of space in Old Norse and early Irish literature and toponymy: by analysing place stories and the place names typically connected with them in both medieval Icelandic and medieval Irish literature, it approaches the inscription of ‘meaning’ into places in an Irish-Norse comparative perspective. In doing so, the project pursues the question of to which extent medieval Irish and Norse attitudes to the semantization of space can be argued to form a koinē: do Irish and Norse approaches to place lore parallel each other with sufficient closeness to suggest that they present a shared ‘Northwest Atlantic’ culture of storytelling about places? The working hypothesis underlying the project is that the close interaction between the Gaelic-speaking culture of Ireland and Scotland and the Norse settlers that founded Norse colonies in the Northwest Atlantic from the beginning of the Viking Age onwards could have led to a far-reaching adoption of Gaelic place lore and the underlying attitudes to the semantization of space by these part-Hibernicized settlers. This might have led to the rise of a shared attitude to charging geographical space with ‘meaning’.

Balladenwelten. Untersuchungen zur transmedialen Rezeption der mittelalterlichen Balladen in der skandinavischen Moderne

Annegret Heitmann (München), Katarina Yngborn (München), Phillip Martin (München)

Die skandinavischen Balladen, meist etwas missverständlich als „folkeviser“ bezeichnet, sind nicht nur ein hervorragendes Zeugnis vergangener Kultur und zeittiefer Überlieferungsdauer, sondern bieten der kulturellen Imagination im Skandinavien der Moderne bis ins 21. Jahrhundert hinein ein reiches Reservoir, aus dem motivische, thematische, formale und mediale Anregungen geschöpft werden. Erstaunlich ist vor allem, dass die Balladen nicht nur rege tradiert sowie in literarischen Texten rezipiert werden, sondern dass die in ihnen angelegte Performativität und ihre inhärente Intermedialität offenbar ein Potential für vielfältige inter- und transmediale Aktualisierungen bereitstellt. Diese Rezeptionsstränge in Text, Bild, Musik, Tanz, Theater und Film werden, fundiert durch einen theoretischen Intermedialitäts-Ansatz, in dem vorliegenden Projekt ermittelt, analysiert und im Verhältnis zu ihren Prätexten dargestellt. Besonderer Wert wird dabei auf die Frage gelegt, welche spezifischen Charakteristika zu bestimmten Zeiten in der Kultur der Moderne aktualisiert werden, welche Rolle die Stoffe, Formen und Motive im kulturellen Gedächtnis spielen und welche transmedialen Prozesse durchlaufen werden.

Die skandinavischen Volksballaden sind anonym überlieferte, strophisch gegliederte narrative Texte, durch einen Refrain, Reime, Rhythmik und eine Wiederholungsstruktur charakterisiert, die gesungen und getanzt werden konnten und oft bis heute allgemein bekannte, populäre Stoffe und Motive enthalten. Die im 16. und 17. Jahrhundert in Adelskreisen aufgezeichneten, zum Teil seit dem Mittelalter mündlich tradierten, unfesten Texte sind sowohl von der philologischen als auch von der volkskundlichen Forschung intensiv untersucht worden. Die Balladenrezeption in der Moderne ist hingegen ein praktisch unbearbeitetes Thema und noch nie in ihrer Ganzheit und Komplexität analysiert worden. Lediglich eine schwedische Magisterarbeit widmet sich der Rezeption der Ballade in Schweden (Schrevelius, 2008); die auf eine Materialpräsentation konzentrierte Arbeit geht jedoch nicht der Frage nach, wie die Balladen in den modernen Texten funktionalisiert werden. Das vorliegende Projekt betritt daher Forschungsneuland.

Forschungsziele

  • Erstmalig wird das Projekt eine umfassende Kartierung der Rezeption der skandinavischen Volksballaden in ihren unterschiedlichen medialen Umsetzungen in der Moderne vorlegen, wobei Literatur, Musik, Bildkunst, Theater, Film und Tanz Berücksichtigung finden.
  • Da sich sowohl die Balladen selbst als auch die künstlerische Rezeption in allen nordischen Ländern finden lassen (Dk, Fär, Is, N, Se, FiSe), handelt es sich um ein breit angelegtes interskandinavisches Projekt, wie es innerhalb der nordischen Länder, deren Nationalphilologien sich vorrangig mit der eigenen Literatur befassen, kaum geleistet werden würde. Es stellt insofern einen genuinen Forschungsbeitrag der Auslandsskandinavistik dar.
  • Vorrangiges Ziel ist dabei die Klärung der Frage, welche Charakteristika des Genres dazu beitragen, dass immer wieder Aktualisierungen – intertextuelle Bezüge und transmediale Umsetzungen – angeregt worden sind, die zu einer festen Verankerung der Balladen im kulturellen Gedächtnis der skandinavischen Länder geführt haben. Dabei werden alle medialen Charakteristika, sowohl Stoffe, Motive, Themen und Formen als auch Rhythmik, Bildlichkeit und Präsentation, verfolgt, um das Potential der gattungsinhärenten Intermedialität oder Performativität auszuloten. Ein theoretisches Ziel ist die Verfeinerung eines trans- und intermedialen Ansatzes.
  • Der Zeitrahmen wird von 1800-2000 angesetzt, wenngleich der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Zeit der, sowohl im soziologischen wie auch im ästhetischen Sinne, voll entwickelten Moderne (d.h. nach 1880) liegen soll. Die kulturhistorische Leitfrage des Projekts ermittelt, welche Elemente der Prätexte zu welchen Zeiten aktualisiert werden und welche kulturhistorischen Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen. Während bei den nationalromantisch beeinflussten Strömungen des 19. Jahrhunderts ein antiquarisches und ein identitätsstärkendes Interesse nahe liegt, wirft die fortdauernde Rezeption in der Moderne die Frage nach der anhaltenden Attraktivität der Gattung auf.
  • Drei Buchpublikationen werden die Resultate des Projekts festhalten. Eine Aufsatzsammlung ist bereits veröffentlicht; sie dokumentiert die Resultate einer internationalen Konferenz, die die Bandbreite der unterschiedlichen medialen Transpositionen zeigen konnte. Ein zweiter, in Arbeit befindlicher Aufsatzband konzentriert sich auf die Prozesse der Fortschreibung der Balladentradition im kulturellen Gedächtnis. Eine grundlegende Monographie von Katarina Yngborn setzt einen ästhetischen Schwerpunkt und soll eine Gesamtdarstellung der Rezeption der Volksballaden in der Literatur der Moderne liefern.

Die skandinavische Ballade und mittelalterliche Frömmigkeitsmedien

Klaus Böldl (Kiel) & Katharina Preißler (Kiel)

Zur nordischen Ballade:

Von allen Balladenlandschaften Europas ist Skandinavien einschließlich Islands und der Färöer die reichste: Mehr als 900 Balladen in etwa 20000 Varianten sind in den nordischen Sprachen überliefert. Viele dieser Varianten sind erst im 19. oder 20. Jh. aufgezeichnet worden, während wir aus dem Mittelalter nur einige Fragmente und eine Reihe indirekter Belege wie etwa Balladenmotive in Kirchenmalereien besitzen. Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass es sich bei der folkevise, wie man diese erzählenden Lieder v. a. in Dänemark auch nennt, um eine genuin mittelalterliche Gattung handelt, die sich nach Auffassung der meisten Forscher spätestens im 14. Jh. über den Norden verbreitet hat. Die nordischen Balladen umfassen einen weiten Themenkreis.

Die historische Ballade reflektiert Ereignisse des Mittelalters in Kontinentalskandinavien. Die legendarische oder Heiligenballade handelt von Jesus und von der Jungfrau Maria, von international verbreiteten und lokalen Heiligen sowie von Mirakeln und Visionen. Die Ritterballade verhandelt in höfischer Perspektive Liebesmotive aller Art, darunter bspw. Inzest und verschiedenste „crimes of passion“. Sie spiegeln feudale Realitäten wider. Auch die naturmythische Ballade spielt vor höfischem Hintergrund, jedoch treten hier übernatürliche Wesen wie Wassermänner, Trolle und Elfen auf; ferner kommen in dieser Gruppe auch Totenerweckungen und magische Verwandlungen vor. Die Heldenballade weist besonders viele Interferenzen zur altwestnordischen Prosaliteratur auf, während die erst in jüngerer Zeit näher erforschte Gruppe der Schwankballaden menschliche Schwächen und Laster aufs Korn nimmt.

Ziele des Projekts:

Ausgehend von den Heiligenballaden, den naturmythischen und Ritterballaden sowie deren Parallelen in der gotischen Sakralkunst werden Beiträge zur Rekonstruktion verschiedener Frömmigkeitskontexte geleistet und die Frage nach der im weiteren Sinne religiösen Dimension der nordischen Balladenüberlieferung gestellt. Das von der DFG geförderte dreijährige Projekt mit einer Laufzeit bis Ende September 2017 umfasst folgende Forschungsfelder:

  • die Analyse von Tanzmotiven in den Balladen, namentlich im Hinblick auf den Umgang der Kirche mit Tänzen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit; hierbei zeigt sich ein bemerkenswertes tanzkritisches Potenzial in den untersuchten Balladen, das mit der landläufigen Definition der Ballade als einem Tanzlied in einem interessanten Spannungsverhältnis steht
  • die Untersuchung von Text-Bild-Relationen hinsichtlich der Balladen und gotischen Kirchenkunst Schwedens und Dänemarks. Dabei erweisen sich v. a. die Kalkmalereien als ein bedeutsames Medium für die Erschließung spätmittelalterlicher Kulturkontexte, wodurch sich zeigen lässt, dass über einen solchen transmedialen Ansatz nicht nur Motive identifiziert werden können, sondern darüber hinaus auch ihre zugrundliegenden ikonographischen und literarischen Sinnstrukturen, sowie ihre gegenseitige Beeinflussung eingehender untersucht werden können. Im Mittelpunkt stehen hier die ‚Balladenheiligen‘ Staffan/Stephanus, Olav, Georg und Katharina.
  • die Untersuchung religiöser Motive in Ritter- und naturmythischen Balladen unter besonderer Berücksichtigung des Konfessionswechsels im Norden. An einigen Balladen lässt sich ein deutlicher protestantischer Einfluss konstatieren, in vielen spiegelt sich ein vormodernes religiöses Weltbild, mit zum Teil bis ins 19. Jahrhundert perennierenden katholischen Denkfiguren
  • Fortführung der 1975 erschienen Balladenbibliographie von Otto Holzapfel in digitaler Form (in Zusammenarbeit mit der UB Kiel)

Ein abschließender Aufsatzband, der im Winter 2017 unter dem Titel Die nordische Ballade als religiöser Resonanzraum erscheinen wird, enthält Studien sowohl zu Heiligenballaden als auch zu religiösen Motiven in anderen Balladen aus literatur-, religions- und sprachwissenschaftlicher Sicht. Hierbei finden neben christlichen auch pagane Motive Berücksichtigung, wie sie etwa in Draumkvedet sowie in einigen hier erstmals näher untersuchten färöischen Balladen vorkommen. Im Kontext des Programms entstand auch ein umfangreicher Artikel ‚Ballade‘ in Germanische Altertumskunde online (Klaus Böldl/Katharina Preißler) sowie mehrere Aufsätze, darunter zwei zu mittelalterlichen Balladenspuren (K. Preißler) und zur Tanzkritik in der Ballade in: Heitmann, Annegret, Katarina Yngborn (Hg.): „Rider du saa vide“. Balladenspuren in der skandinavischen Kultur. Freiburg/Br. 2016.

Erzähler und Erzählperspektive im Kontext Altnordischer Sagaliteratur

Jan Wehrle (Freiburg)

Innerhalb der Erzählforschung wurde in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wiederholt auf den Umstand verwiesen, dass die etablierten, zumeist formalistisch-strukturalistisch motivierten, Erzähltheorien des 20. Jahrhunderts nur ungenügende Instrumentarien böten um sich damit den Literaturen vergangener Epochen zu nähern. ‚Historische Narratologie‘ spielt in der Tat auch in modernen Überblickswerken nur eine untergeordnete Rolle.

Nichtsdestotrotz hat sich mittlerweile eine „florierende narratologische Mediävistik“ entwickelt, die sich mit der Anwendbarkeit bzw. Entwicklung von Erzähltheorie auf/aus mittelalterlicher Literatur beschäftigt. Dies findet jedoch – mit wenigen Ausnahmen – in Form von fallspezifischen Einzeluntersuchungen statt, wobei sich komparatistische Ansätze zumeist auf die höfische kontinentale Literatur beschränken (müssen). Es stellt sich nun die Frage, inwieweit sich die erbrachten Forschungsleistungen aus primär germanistischer und anglistischer narratologischer Mediävistik auch auf die altnordische Literatur übertragen lassen, wie sie adaptiert werden müssten, und natürlich welche Leistungen der Fachbereich selbst schon erbracht hat.

Ansatz und Diskussionsgrundlage meiner Posterpräsentation wäre es daher, zunächst zusammenzufassen, welches denn nun die besonderen Herausforderungen der Erzähltheorie im Kontext der mittelalterlichen Literatur sein sollen. Im Fokus auf formalistisch-strukturalistische Ansätze (Genette, Bal) muss aufgezeigt werden, wo diese angeblich zu kurz greifen. Hierbei kristallisiert sich sehr schnell die Frage nach der Erzählinstanz heraus, denn viele Autoren weisen darauf hin, dass die dogmatische Trennung von ‚Autor‘ und ‚Erzähler‘, die wir in der modernen Literatur(analyse) voraussetzen, im Mittelalter nicht unbedingt so gelesen werden kann. Auch Fragen nach Erzählperspektive und Figurenbewusstsein stellen interessante Herausforderungen. Im erweiterten Kontext kann auch diskutiert werden, inwieweit die Besonderheiten mittelalterlicher ‚literarischer‘ Medialität in eine historische Narratologie mit einfließen müssten.

All diese Punkte sollen speziell am Beispiel altnordischer Sagaliteratur vorgestellt und diskutiert werden.

Genus, Genusmarkierung und Genuskongruenz im Inselskandinavischen in diachroner Perspektive

Birgit Ortmayer (Wien)

Dieses sprachwissenschaftliche Dissertationsvorhaben beschäftigt sich mit dem Genussystem des (Insel-)Skandinavischen und dabei insbesondere mit dessen Entwicklung und Veränderung.

Während sich in den festlandskandinavischen Sprachen (Dänisch, Schwedisch und zum Teil Norwegisch) weitgehend ein Zwei-Genus-System (Utrum-Neutrum) etablieren konnte, haben die inselskandinavischen Sprachen (Isländisch und Färöisch) das ursprüngliche Drei-Genus-System des Altnordischen (Maskulinum, Femininum und Neutrum) bewahrt. Nichtsdestotrotz gibt es auch im Inselskandinavischen erste – wenn auch bislang eher verhaltene – Anhaltspunkte für eine Vereinfachung des Genussystems (z.B. durch Zusammenfälle von Maskulinum und Femininum in manchen Kasus).

Neben einer gründlichen Beschreibung des inselskandinavischen Genussystems in seiner Gesamtheit hinsichtlich Genuszuweisung, Genusmarkierung und Genuskongruenz stehen also vor allem Hinweise auf mögliche Weiterentwicklungen (z.B. Genuszusammenfall) im Zentrum des Dissertationsvorhabens. Auf der einen Seite sollen hier das Zusammenspiel der verschiedenen Genuszuteilungskriterien (morphologische, phonetisch-phonologische bzw. semantische) sowie die Art und Weise und das Ausmaß der Genuskongruenz analysiert werden, auf der anderen Seite richtet sich das Forschungsinteresse speziell auf jene Veränderungen und Konvergenzbewegungen, die eine Vereinfachung hin zu einem Utrum-Neutrum-System andeuten könnten. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Färöische, das sich am meisten durch derlei Entwicklungen auszeichnet.

Die Ergebnisse aus dieser Untersuchung werden früheren, noch archaischen, Sprachstadien des Festlandskandinavischen gegenübergestellt. Insbesondere wird ein Vergleich mit dem mittelalterlichen Schwedischen, also jener Sprachstufe, die Veränderungen hin zum heutigen Utrum-Neutrum-System des Schwedischen einläutete, von Bedeutung sein. Hier zeigen sich vielleicht interessante Parallelen zum Inselskandinavischen, die aufschlussreich für mögliche zukünftige Entwicklungen sein könnten.

Das Arbeitsvorhaben selbst beginnt mit einer theoretischen Einführung, an deren Ende die Entwicklung eines eigenen, sowohl für das Insel- als auch Festlandskandinavische anwendbaren, Genusmodells (basierend auf gängigen Theorien zur Etablierung der Anzahl der Genera; u.a. Corbett 1991) stehen soll. In der anschließenden Untersuchung werden die (insel-)skandinavischen Flexionssysteme hinsichtlich der Kategorie Genus miteinander verglichen und in Bezug auf ihr Vereinfachungspotenzial analysiert. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass ein Verlust der Genusmarkierung (und damit der Genuskongruenz) letztendlich auch zu einer Genusreduktion führen kann. Eine Korpusanalyse anhand ausgewählter färöischer und isländischer Texte soll Ergebnisse aus der tatsächlich verwendeten Sprache beisteuern.

Schließlich wird ein Blick auf die Genuszuordnung bei Lehnwörtern sowie auf Tendenzen etwaigen Genuswechsels zusätzliche Erkenntnisse ermöglichen.

Bisherige Arbeiten zu diesem Thema behandeln meist nur Teilaspekte des skandinavischen Genussystems (z.B. neutrale Kongruenz) bzw. konzentrieren sich – mit wenigen Ausnahmen (z.B. Petersen 2009) – häufig auf die Verhältnisse im Festlandskandinavischen. Das aktuelle Vorhaben möchte an bestehende Projekte anschließen und einen Beitrag zur Beschreibung des inselskandinavischen Genussystems sowie dessen möglicher zukünftiger Weiterentwicklung liefern.
Darüber hinaus soll durch die Verbindung von insel- und festlandskandinavischer Forschung ein tieferes Verständnis für allgemeine Prozesse der Genusreduktion ermöglicht werden, was nicht zuletzt auch für benachbarte Philologien relevant sein könnte.

Norrøna

Norrøna-Redaktion (Köln)

Mit der Posterpräsentation möchten wir als norrøna-Redaktion darauf aufmerksam machen, dass die Zeitschrift, die seit 1984 erscheint und regelmäßig neue Ausgaben herausbringt, nun ihre Hauptredaktion nicht mehr in Berlin hat, sondern seit 2016 hauptsächlich in Köln lektoriert wird. Von der Berliner Redaktion als ‚frischer Wind’ angekündigt, hat die Kölner Redaktion im Februar 2017 die erste ‚kölsche’ Ausgabe unter dem Titel (Un)Abhängigkeiten herausgebracht und ist sehr interessiert daran zu zeigen, dass wir weiterhin das Ziel haben, die Zeitschrift unter den Studierenden bekannter zu machen und ihnen eine Publikationsplattform zu geben. Wir sehen die norrøna als ideale Möglichkeit an, die deutschsprachigen Institute in einem gemeinsamen Projekt zusammenzuführen.

Sproglige behov i danskundervisningen. En studie om behovsafdækning i danskkurser

Martin Carlshollt Unger (Kopenhagen)

Projektet ”Sproglige behov i danskundervisningen” beskæftiger sig med sproglige behov og behovsafdækningsanalyse i danskundervisningen indenfor dansk som andet- og fremmedsprog – et akademisk hidtil ikke særlig velbeskrevet felt. De to grundlæggende forskningsspørgemål er, hvordan kan man udvikle nye behovsafdækningsmetoder i relation til sprogbehov og kurser og i forbindelse dermed, hvilke pædagogiske tiltag der er vigtige i planlægningen og udførelsen af danskundervisningen.

I løbet af projektet får danskhold udbudt af Center for Internationalisering og Parallelsproglighed for internationale vidensarbejdere, deres undervisere og administrativt personale på Københavns Universitet undersøgt deres syn på og opfattelse af sproglige behov. Det sker via en metodisk triangulering. Undersøgelsen opdeles i tre dele: Spørgeskemaer, der leverer kvantitative data, samt observation og interviews, der leverer kvalitative data.

Igennem analyser af de indsamlede data, vil projektet belyse, hvordan sproglige behov forandres gennem undervisningsforløbet. På den baggrund kan der udvikles nye behovsafdækningsmetoder i relation til sprogbehov, og den udvundne viden kan bidrage til at forbedre udviklingen af skræddersyede løsninger til kursister med forskellige behov, erfaringer og forudsætninger – samt til den pædagogiske og indholdsmæssige planlægning, tilrettelæggelse af sprogkurser og målstyrede kursusaktiviteter.