Sprache jenseits der Logik? – Darstellungsformen des Undarstellbaren

Raum 204a

Beschreibung

Gegenstand dieses Arbeitskreises sind literarische Texte aus dem skandinavischen Raum, die mithilfe paradoxer Ausdrucksmittel versuchen, auf etwas zu verweisen, was sich der begrifflichen Sprache entzieht und damit in dieser als etwas Unsagbares/Undarstellbares erscheint.

Literarische Schreibweisen, die sich einer „Sprache jenseits der Logik“ bedienen – eine Formulierung, die Karin Boye in ihrem gleichnamigen Essay aus dem Jahr 1932 geprägt hat – Schreibweisen also, die mit Hilfe verschiedener Ausdrucksmittel, insbesondere aber durch Formen des Paradoxen, etwas erfahrbar machen, was sich der begrifflich-logischen Sprache entzieht, gehen auf eine lange gesamteuropäische Tradition zurück, die sich von der Antike bis in die heutige Zeit fortschreibt und sich in Skandinavien insbesondere seit dem 18. Jahrhundert manifestiert. Dies beginnt mit der Darstellung pietistischer Gotteserfahrungen (z.B. Johannes Ewald), dem Ausdruck eines ,Absoluten‘ in der Universalromantik (Oehlenschläger, Atterbom, Almqvist), der Verschachtelung von Pseudonymen, Genres, Bildern und Stimmen in Kierkegaards Werk, die umkreisen, was sich dem Begriff verweigert, setzt sich fort mit frühen dekonstruktivistischen Schreibweisen des Realismus (z.B. Almqvist) über die literarische Artikulation des Verlusts metaphysischer Sinnkonzeptionen in der Moderne (z.B. Karen Blixen, Edith Södergran, Tarjei Vesaas) bis hin zu postmodernen Verfahrensweisen, mit denen eine Suche nach neuen metaphysischen Gehalten wieder aufgenommen wird (z.B. Jan Kjærstad, Hanne Ørstavik, Solvej Balle, Lars Jakobson). Um diese Tradition genauer zu beleuchten, liegt es nahe, philosophische und ästhetische Konzepte der europäischen Denktradition (Plotin, Mystik, Baudelaire, Adorno, Lyotard, Jaspers etc.), die sich theoretisch mit Fragen des Unbeschreibbaren, Inkommensurablen, Undarstellbaren, Paradoxen etc. auseinandersetzen, mit in den Blick zu nehmen und so die literarischen Verfahrensweisen historisch angemessen zu kontextualisieren.

Ziel unseres Arbeitskreises ist es, anhand von exemplarischen Texten aus allen in Frage kommenden Epochen verschiedene literarische Verfahrensweisen zu untersuchen, die im Kontext dieser Tradition zu verorten sind und deren wesentliche Funktion darin besteht, etwas zum Ausdruck zu bringen, das mit den Mitteln einer diskursiven Sprache nicht erfassbar ist. Beispiele für solche Verfahrensweisen wären:

  • paradoxe Ausdrucksmittel
  • Bildlichkeit
  • Subversions- und Dekonstruktionsstrategien
  • minimalistische Schreibweisen
  • fragmentarisches Erzählen
  • multiperspektivisches Erzählen
  • Elemente fantastischen Erzählens
  • etc.

Neben der Analyse der Funktion und Wirkungsweise solcher Verfahrensweisen und Ausdrucksmittel liegt auch die Auseinandersetzung mit den philosophischen und ästhetischen Theorien der europäischen Denktradition im Interesse unseres Arbeitskreises. Zu fragen wäre also u. a., inwiefern sich die skandinavischen Texte mithilfe verschiedener ästhetischer und philosophischer Konzepte der europäischen Tradition erläutern lassen.

Kontakt:
Julia Anrecht (Kiel)
Henrike Fürstenberg (Kiel)

 

Beiträge

Paradoxe Mitteilung und Mitteilung des Paradoxes: Indirekte Mitteilungsstrategien bei Søren Kierkegaard

Henrike Fürstenberg (Kiel)

Im Paradox werden zwei widerstreitende Elemente so zusammengeführt, dass eine Auflösung im Sinne der Logik nicht möglich ist. Strömungen wie etwa die deutsche Frühromantik betrachten eine solche Widersprüchlichkeit nicht als Mangel, sondern aus wünschenswert. Dasselbe gilt, wenn auch aus ganz anderen Gründen, für den dänischen Philosophen, Theologen und Sprachkünstler Søren Kierkegaard (1813-1855), der in seinen Texten nicht nur Modelle einer ‚indirekten Mitteilungsstrategie‘ entwirft, sondern vor allem auch praktiziert. Es geht dabei um Texte im Sinne von Mitteilungen, die Paradoxalität nicht nur provozieren und aushalten, sondern als notwendig ansehen. Der Vortrag möchte Beispiele aus Kierkegaards komplexen Kommunikationsmethoden geben und die zugrunde liegenden Vorstellungen erläutern.

Språkets kris och apofatisk teologi i Ingmar Bergmans 60-talsfilmer

Jan Balbierz (Krakau)

Språkets kris och oförmågan att representera verkligheten genom verbala koder har varit ett huvudtema i Ingmar Bergmans författarskap sedan de tidiga, opublicerade litterära försöken. Mitt paper kommer att fokusera på Bergmans mest kreativa period – 60-talet. Filmer som Tystnaden, Persona eller Skammen tematiserar språkets sammanbrott och en apofatisk teologi samtidigt som de kan tolkas som ett försök att genom en bred palett av visuella och akustiska medel övervinna krisen och hitta nya, icke-verbala uttrycksmedel.

Digital Natives und analoge Gedichte – eine Einführung in die paradoxe Poetik der skandinavischen Post-Internet-Literatur

Karl Clemens Kübler (Berlin)

Hat das Internet neue Formen der Literatur hervorgebracht? Audun Mortensen wirft in seinem Gedicht die Frage auf, inwiefern die Erfahrung des textbasierten Mediums Internet Einfluss auf Poetik und Schreibweisen von Gegenwartsliteratur hat. In meinem Vortrag werde ich anhand von Audun Mortensens Werken eine Einführung in die skandinavische Post-Internet-Literatur geben. Dabei soll in erster Linie geklärt werden, was Post-Internet-Literatur ist und wie sie sich zu anderen Strömungen des digitalen Zeitalters verhält. Auch werden zentrale Akteure aus dem skandinavischen Raum kurz vorgestellt. Es soll versucht werden anhand von Texten von Audun Mortensen und anderen GegenwartsautorInnen eine Poetik der Post-Internet-Literatur zu umreißen, die sich zwischen Internet- und Unterhaltungskultur, Konsumwelten und modernistischen Literaturformen bewegt. Da Post-Internet Literatur noch eine sich entwickelnde Strömung innerhalb der Gegenwartsliteraturen und insbesondere der skandinavischen Literaturen ist, versteht sich diese Einführung als Grundlage für weitere Forschung auf dem Gebiet der crossmedialen Literatur.

Schreibweisen des Unsagbaren am Beispiel von Herman Bangs Ved Vejen

Elke Haberzettl (München)

Die Auseinandersetzung mit den Grenzen des Sagbaren ist ein zentrales Anliegen der Moderne (vgl. z. B. Fäcke 2013: 21). Dabei geht es moderner Literatur als Sprachkunst gerade darum, durch das Gesagte auf Unsagbares zu verweisen. Um eine Formulierung Lyotards aufzugreifen, bedeutet das: „Die Kunst […] sagt nicht das Unsagbare, sie sagt vielmehr, daß sie es nicht sagen kann“ (Lyotard 1988: 59).

Die Problematik der Unsagbarkeit kann dabei grundsätzlich in zweierlei Hinsicht zum Tragen kommen: indem etwas nicht gesagt werden kann oder indem etwas nicht gesagt werden darf. Beide Aspekte sollen hier am Beispiel von Herman Bangs Kurzroman Ved Vejen aus dem Jahr 1886 kurz beleuchtet werden.

Ved Vejen gilt als eines der bedeutendsten Werke des literarischen Impressionismus in Dänemark, das sich nicht zuletzt durch eine äußerst sparsame Erzählweise auszeichnet. In einem programmatischen Beitrag zur impressionistischen Poetologie rechtfertigt Bang diesen Verzicht auf ein wortreiches und psychologisierendes Erzählen dadurch, dass ein „fuld og rund Besked“ (Bang 1890: 692) über die komplexe menschliche Gedanken- und Gefühlswelt schlichtweg unmöglich sei.

So wird die Undarstellbarkeit der menschlichen Innenwelt in Ved Vejen gerade durch das betonte Fehlen auktorialer Erläuterungen vorgeführt. Vielmehr erklären sich die Figuren durch ihr Handeln und ihre Körpersprache selbst. Ein Sagen wird hier also durch ein Zeigen ersetzt – eine Form des uneigentlichen Sprechens bzw. Schreibens, die es ermöglicht, sich dem Eigentlichen, aber Unsagbaren zu nähern. Dabei werden beispielsweise die Gefühle, die sich zwischen Katinka und Huus entspinnen, vom Erzähler an keiner Stelle direkt ausgesprochen, sodass der Leser sie nur aus deren Verhalten ableiten kann.

Die Grenzen des Sagbaren werden in Ved Vejen aber auch durch Beschränkungen dessen erfahrbar, was innerhalb der geschilderten Kleinbürgergesellschaft gesagt werden darf, ohne auf Unverständnis zu stoßen oder soziale Sanktionen nach sich zu ziehen. Dies gilt in erster Linie für die wortkarge Protagonistin Katinka und den gleichermaßen verschlossenen Huus. Beide nehmen in der patriarchalisch-heteronormativen Gesellschaft eine Außenseiterposition ein (vgl. Heede 2003: 21) und sind nicht in der Lage, ihre normabweichende Identität sprachlich zu behaupten. In der Textstruktur finden diese Abweichung von der Norm und die Unmöglichkeit des sprachlichen Ausdrucks ihre Entsprechung in der auffälligen Schweigsamkeit dieser beiden Charaktere im Kontrast zur übermäßigen Redseligkeit des übrigen Personals.

Auch der Erzähler gibt sich verschwiegen, zum Beispiel im Hinblick auf tabuisierte bzw. aus dem allgemeinen Diskurs verdrängte Themen wie die sexuelle Rolle der Frau. Wie sehr Katinka unter ihren ehelichen Pflichten leidet, wird zwar nie direkt zur Sprache gebracht, lässt sich aus Andeutungen und signifikanten Auslassungen jedoch deutlich herauslesen. Durch derartige beiläufige Anspielungen übt der Erzähler stumm Kritik an der Selbstverständlichkeit, mit der die bestehende soziale Ordnung mit ihren zerstörerischen Mechanismen allgemein unhinterfragt akzeptiert und fortgeführt wird.

Unsagbarkeit erweist sich somit für die Literatur keineswegs als Defizit. Vielmehr bietet gerade Sprachkunst das Potenzial, den Zugang zu Bereichen der Wirklichkeit zu eröffnen, die sich logisch und begrifflich nicht fassen lassen, oder die Grenzen des sagbaren Diskurses zu verschieben. Daraus lässt sich mit Herman Bangs Worten schließen: „[et] Værks […] Værd beror paa Dybden af alt det – som ikke siges“ (Bang 1890: 693).

Literatur
Bang, Herman (1890) „Impressionisme. En lille Replik“, in Tilskueren, August 1890, 692–694.
Bang, Herman (2010) „Ved Vejen“, in Romaner og noveller Bd. 7: Stille eksistenser. Under aaget, Kopenhagen: Danske Sprog- og Litteraturselskab, 135–292.
Fäcke, Julia (2013) An den Grenzen der Sprache. Literarische Beschreibungen des Unsagbaren am Beispiel der späten Prosa Ingeborg Bachmanns und Samuel Becketts, hrsg. von Christine Lubkoll, Würzburg: Ergon.
Heede, Dag (2003) Herman Bang. Mærkværdige læsninger, Odense: Syddansk Universitetsforlag.
Lyotard, Jean-Francois (1988) Heidegger und ‚die Juden‘, hrsg. von Peter Engelmann, Wien: Passagen Verlag.

„Holde det åpent og stort.“ – Hanne Ørstaviks Roman „Presten“ als postmoderne Suche nach Gott

Julia Anrecht (Kiel)

Hanne Ørstaviks Roman „Presten“ (2004) handelt von einer jungen angehenden Pastorin namens Liv. Ein Jahr bevor die eigentliche Handlung beginnt, kehrt die Norwegerin ihrem Leben als Doktorandin der Theologie in Süddeutschland plötzlich den Rücken zu, um eine Pastorenstelle in Nordnorwegen anzunehmen. Der offensichtliche Anlass für diesen Umschwung in ihrem Leben ist der unvorhergesehene Selbstmord ihrer einzigen Freundin und Vertrauten, der Puppenspielerin Kristiane.

Die Handlung setzt mit einem Rückblick der Ich-Erzählerin Liv auf ihre erste Predigt in einem Sonntagsgottesdienst vor einem Jahr ein und lässt uns dann an fünf Tagen ihres gegenwärtigen Lebens teilhaben.

Ørstaviks Roman liest sich wie eine postmoderne Suche nach Gott. Der Text wird bestimmt vom unermüdlichen Streben der Ich-Erzählerin, einen sinnvollen Zusammenhang in ihrem Leben zu erkennen. Doch die Erkenntnis bleibt aus. Aber gerade im Erzählen ihres Scheiterns, in ihrer Suche selbst scheint sich Liv – paradoxerweise – Gott oder „das Große“, wie sie es nennt, zu zeigen.

Daraus ergibt sich die etwas provokante These, die ich meinem Vortrag voran stellen möchte: Die Erzählung von Livs Scheitern funktioniert durch ein kontrolliertes Scheitern des Erzählens, das zum geeigneten Ausdrucksmittel wird, um auf Gott, „das Große“ – „ein Undarstellbares“ – zu verweisen, wie Jean-François Lyotard es als zentrale Aufgabe postmoderner Kunst proklamiert.

Diese besondere Ästhetik des Romans, die ich in meinem Vortrag näher untersuchen möchte, deutet sich sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der strukturellen Ebene des Textes an: Auf der inhaltlichen Ebene fällt insbesondere die mäandernde Bewegung der nicht zum Ziel kommenden Gedanken Livs auf. Ihre existentiellen Fragen, auf die sie reflektierend Antworten sucht, bleiben offen.

Livs ausweglose Suche nach Wahrheit und Sinn spiegelt sich auf der strukturellen Ebene des Textes wieder: Die Reflexionen Livs, die ihr Handeln ständig überlagern, finden ihren Ausdruck in der assoziativen, ateleologischen sowie episodenhaften Erzählstruktur des Textes.

Darüber hinaus trägt der minimalistische Sprachstil zu einer semantischen Offenheit des Textes bei, die zusammen mit seiner aporetischen Struktur die erkenntniskritische Haltung des Romans unterstützt: „Holde det åpent og stort“ ist damit nicht nur Livs Weg, Gott – „das Große“ – in einer undurchschaubaren und gottlos erscheinenden dargestellten Welt zu erfahren, sondern auch das ästhetische Prinzip des Romans – eine Art via negativa –, um auf das „Undarstellbare“ zu verweisen.