Wikinger und Wikingfahrten

Raum 208b

Beschreibung

In diesem Arbeitskreis sollen die Charakterisierung von Wikingern und die Beschreibung ihrer Wikingfahrten in den verschiedenen wikingerzeitlichen und mittelalterlichen Quellen Skandinaviens (Runeninschriften, Skaldendichtung, Sagaliteratur) einander vergleichend gegenübergestellt werden. Folgende Themen werden im Fokus stehen:

  1. Fahrten nach Osten
  2. Fahrten nach Westen
  3. der Wikinger und sein „Image“
  4. Wikingerzüge und Schifffahrt

In den Themenbereichen 1) und 2) gilt es, die zeitgenössischen Quellen, d. h. Runeninschriften und Skaldendichtung der Wikingerzeit, komparatistisch zu betrachten, wobei sowohl die historischen Ereignisse, wie z. B. die Eroberung Englands und der sich daraus ergebende kulturelle Kontakt, als auch die Darstellung der Kriegszüge und ihrer Beteiligten im Blickpunkt stehen. Im Themenbereich 3) dagegen steht die mittelalterliche Rezeption im Vordergrund. Bereits aus den wikingerzeitlichen Quellen lässt sich auf ein heterogenes „Image“ des Wikingers zu dieser Zeit in Skandinavien schließen. Daher soll hier der Frage nachgegangen werden, welches Bild (bzw. Bilder) des Wikingers in den verschiedenen Gattungen der mittelalterlichen Literatur zu finden ist (sind) und evtl. können auftretende Beeinflussungen der Gattungen untereinander herausgearbeitet werden. Themenbereich 4) schließlich konzentriert sich auf die bildlichen Darstellungen und literarischen Beschreibungen wikingerzeitlicher Schiffe und Schifffahrten.

Kontakt:
Vivian Busch (Kiel)
Jana Krüger (Kiel)
Edith Marold (Kiel)

 

Beiträge

Die Darstellung wikingerzeitlicher Raubzüge in der Skaldendichtung

Vivian Busch (Kiel)

Dieser Vortrag geht anhand einer Untersuchung der zeitgenössischen Skaldendichtung der Frage nach, wie die Personen, die wir als Wikinger bezeichnen, ihre Raubzüge selbst wahrgenommen haben. Es wird anhand der Gedichte verschiedener Skalden sowohl in heidnischen als auch christlichen Kontexten untersucht, welche Aspekte der Fahrten und welche Taten besonders herausgestellt werden und ob sich die Darstellung bei unterschiedlichen Skalden sowie zu verschiedenen Zeiten unterscheidet.

Die Dichtung der Wikinger: skaldische und runische Dichtung im Vergleich

Jana Krüger (Kiel)

Sowohl die skaldische als auch die runische Dichtung der Wikingerzeit dient dem Lobpreis von Personen. Während die Skaldendichtung insbesondere aus den westnordischen Gebieten (Island, Norwegen) überliefert ist, sind metrisch gestaltete Runeninschriften in erster Linie von dänischen und v.a. schwedischen Runensteinen bekannt.

Ziel dieses Beitrags ist es, beide Dichtungsgattungen einander vergleichend gegenüberzustellen. Diese sollen im Hinblick auf ihren Inhalt, ihre Form sowie ihre Funktion miteinander verglichen werden.

Da der Großteil der wikingerzeitlichen Runendichtung von Runensteinen aus Södermanland und Uppland stammt, wird bezüglich der Runendichtung der Schwerpunkt auf den Inschriften aus diesen beiden schwedischen Landschaften liegen. Für diese sollen auch evtl. vorhandene chronologische und regionale Besonderheiten herausgestellt werden.

Skaldenstrophen und Erinnerung: die Fahrt nach Osten am Beispiel von Haraldr Sigurðarson

Roland Scheel (Göttingen)

Der norwegische König Haraldr Sigurðarson stellt in mehr als einer Hinsicht das ideale Beispiel eines „wikingerzeitlichen“ Herrschers dar. Sein Tod in der Schlacht bei Stamford Bridge 1066 gilt als ein wesentlicher Endpunkt der Wikingerzeit, sein Exil in der Rusʼ und in byzantinischen Diensten zwischen dem Tode Óláfs des Heiligen und seinem Eintritt in die Königsherrschaft steht emblematisch für die epochentypische Mobilität sowie transkulturelle Verflechtungen, und als Kenner und Förderer der Skaldendichtung eignet ihm in den späteren Saganarrationen ein archetypischer Habitus.

Für die Entstehungsgeschichte von Saganarrativen über Fahrten nach Osten erweisen sich Haralds Exil, seine Taten und seine Mobilität im Exil als ein ideales Senkblei, denn erstens stehen drei verschiedene, jeweils aufeinander basierende Konungasögur zur Verfügung (Morkinskinna, Fagrskinna, Heimskringla), die zum Teil deutliche Unterschiede aufweisen, zweitens existieren byzantinische Kontrollquellen, und drittens beziehen sich die Informationen über Haralds Reisewege, Aufenthaltsorte und Taten auf eine Vielzahl zitierter zeitgenössischer Skaldenstrophen, genauer auf 24 Strophen von neun Skalden, wenn man einige ausschließlich in der Snorra Edda zitierte Strophen nicht mitrechnet. Hochinteressant sind die Berichte des frühen 13. Jahrhunderts also nicht allein in Bezug auf die hier bis zu einem gewissen Grad gegebene Möglichkeit der quellenkritischen Überprüfung des ereignisgeschichtlichen Hergangs, sondern auch und vor allem im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Sagaprosa und in sie eingebetteten Skaldenstrophen. Gerade hier unterscheiden sich die drei Versionen der Konungasögur erheblich voneinander. Deutlich wird bereits im ältesten Text, der Morkinskinna, das später im Prolog der Heimskringla formulierte Prinzip, kvæði seien die zuverlässigsten Geschichtsquellen: So bietet uns die Morkinskinna beispielsweise einen historisch widersinnigen Itinerar Haralds von der Rusʼ über Frankreich und Italien nach Byzanz, den sie aber mit Skaldenstrophen belegen kann, denn Haraldr kämpfte gegen Frakkar und im Langbarðaland. Offensichtlich interferiert hier das kollektive Gedächtnis des Hochmittelalters mit der Erinnerung in Skaldenliedern und führt zur Deutung der Frakkar als Franzosen statt als normannische Phrangoi und von Langbarðaland als Lombardei statt als Militärprovinz Longobardia im Mezzogiorno. Snorri verzichtet kurzerhand auf eine Übernahme. Dieses und weitere Beispiele zeigen deutlich, dass jenseits der Skaldenstrophen über solche Fahrten keine feste „Begleitprosa“ existiert haben kann: Jenseits der Passagen, die mit Hilfe von Gegenwartswissen der Schreibezeit um die Strophen herum konstruiert wurden, bestehen die Berichte primär aus Sammlungen von Wandermotiven, was besonders im Vergleich zwischen Morkinskinna und Heimskringla deutlich wird. Dass überdies die Rückkehrer selbst an der Legendenbildung mitwirkten, illustriert die Geschichte von Haralds skaldisch belegter Blendung des Kaisers Konstantin IX., die trotz der Bereitschaft der modernen Forschung, sie in byzantinische Chroniken hineinzulesen, ausweislich solcher Quellen unmöglich ist. Bereits Snorri weist darauf hin, dass auch die Strophen nicht weiter als bis zu Haralds eigener Darstellung zurückreichten, womit eine weitere Schicht erinnernder Verarbeitung von Wikingerfahrten angesprochen ist.

Insgesamt zeigt sich am Beispiel von Haraldr inn harðráði im Osten, wie ein wesentlicher Aspekt des hochmittelalterlichen Bildes der „Wikingerzeit“ entsteht. Es tritt mithin ein Konstruktionsprinzip zu Tage, das sich auch in Berichten über spätere Kreuzzüge in denselben Texten und der Orkneyinga saga fortsetzt, auf die ein kurzer Ausblick erfolgt.

Wikingerfahrten als Raum des kulturellen Austausches

Alessia Bauer (München)

Wikingerfahrten stellten nicht nur die Möglichkeit dar, Reichtümer anzuhäufen und Ruhm zu erlangen; sie boten zudem Gelegenheit einer Begegnung mit dem ‚Fremden‘. Daraus ergab sich ein Austausch, der u.a. die Aufnahme von materiellem und geistigem Gut zur Folge hatte. Das führte u.a. dazu, dass die Nordgermanen in Kontakt mit dem christlichen Glauben kamen.

Als Beispiel für eine Narration, die wie eine Wikingersaga ansetzt und sich zu etwas vollkommen Anderem – ja zu einer regelrechten ‚spirituellen‘ Reise – entwickelt, kann die Eireks saga víðfǫrla gelten: Der heidnische Abenteuer bricht von Zuhause auf, um in den unbekannten Osten einzudringen. Anstatt sich durch Tapferkeit und Mut auszuzeichnen, erlangt der Protagonist jedoch Gelehrsamkeit und Erleuchtung und wird zum Christen, was eine radikale Umwälzung seiner Weltanschauung herbeiführen wird. Exemplarisch zeigt die Saga, wie Wikingerfahrten einen fruchtbaren Raum für ‚Entdeckungen‘ im übertragenen Sinne darstellen.

Die letzte Fahrt eines ‚großen Wikingers‘: Þórólfr bægifótrs Landnahmeerzählung in Eyrbyggja saga

Matthias Egeler (München)

Eyrbyggja saga schildert, wie Þórólfr bægifótr, den die Saga als einen víkingr mikill beschreibt, seine Karriere als Plünderer mit der Fahrt nach und der Landnahme in Island beschließt – oder, als ein nachdrücklich als ungerecht und gewalttätig beschriebener Zeitgenosse, sie dort vielmehr mit anderen Mitteln fortsetzt. Der Vortrag wird nachzeichnen, wie Eyrbyggja saga den letzten Lebensabschnitt dieses Wikingers in einem offenbar hochgradig bewußten Akt interkultureller Übersetzung in eine irische Ortsgeschichte überführt: selbst Sproß einer Familie mit engen Verbindungen zu den Hebriden, beschließt Þórólfr sein Leben in einer Orgie von Tod und Ortsnamenschöpfung, die die irische ‚Ortsnamenkunde‘ (dindshenchas) von Áth Lúain, der heutigen Landstadt Athlone im Co. Westmeath, direkt adaptiert und auf die Halbinsel Snæfellsnes verpflanzt. Damit scheint die Geschichte vom Rückzug des Wikingers Þórólfr auf sein Altenteil die auf den Britischen Inseln gemachte kulturelle Beute der Wikingerzeit unmittelbar in die isländische Landschaft einzuschreiben.